Radikale Ehrlichkeit

Mein Verschleiß an Notizbüchern ist groß, weil ich nicht nur beruflich schreibe, sondern auch, wenn ich Gedanken und Gefühle nicht geordnet bekomme, mich etwas inspiriert oder ich nach Antworten suche. Es hilft mir jedes Mal dabei, alles, was in mir los ist, besser (be)greifen zu können und neue Erkenntnisse über mich zu sammeln. Manchmal sind es mehrere Seiten auf einmal, manchmal ein einzelner Satz, manchmal ein aufgeschnapptes Zitat, eine nachdrückliche Erinnerung an mich oder Stichpunkte über Träume und Ziele.

So füllen sich Zeilen, Seiten und ganze Bücher – man macht also nie einen Fehler damit, mir ein Notizbuch zu schenken.

Aber mir ist etwas aufgefallen. So sehr ich mich auch darin übe, beim Notieren meiner Gedanken jegliche Anforderungen an Sprache und Textqualität zu ignorieren, damit ich mich nicht daran aufhalte – ich will jeden Text mit einem positiven Gedanken beenden. Klar, das Buch mit einem positiven Gefühl zuzuklappen ist erst einmal nichts Schlechtes, im Gegenteil. Es tut gut, mit einem versöhnlichen Gedanken in den Tag zu gehen. Und trotzdem ist das nicht, was ich bezwecke. Meine Intention ist, meine Gedanken und Gefühle genau so aufzuschreiben, wie sie in mir vorherrschen – so hässlich und unangenehm sie auch sein mögen -, um sie reflektieren und dann ggf. etwas verändern zu können. Ich schreibe, um mir klar zu werden. Und dafür ist es notwendig, unbeschönigt ehrlich mit mir zu sein.

schön verpackt statt schnörkellos

Doch das fällt mir generell nicht immer leicht. So absolut und schonungslos ehrlich zu mir zu sein und mir meine echten Gefühle, meine wahren Gedanken, mein tatsächliches Verhalten und meine eigentlichen Bedürfnisse ganz genau anzuschauen – das ist mitunter unangenehm und schmerzhaft. Und wir Menschen sind häufig wahnsinnig gut im Vermeiden und Ignorieren, was Schmerzen betrifft. Wir finden jede Menge Ablenkung im Außen, um nicht nach innen schauen zu müssen. Den Schmerz einmal gefühlt, vermeiden wir (verständlicherweise) tunlichst, dort wieder hinzugehen. All das passiert meist unterbewusst. Mir ist es jedoch beim Lesen meiner letzten Notizen bewusst geworden. Auf dem Papier, zwischen meinen Worten, wurde nicht zu 100% wiedergegeben, was ich dachte und fühlte. Anstatt direkt und schnörkellos festzuhalten, welche Ängste und Zweifel mich gerade wirklich beherrschten, verpackte ich positive Gedanken in ein stilvolles und möglichst angenehmes Wortgewand. Ich übersprang die unangenehmen Emotionen und ging direkt dazu über, mich zu trösten. Verdrängung vom feinsten sozusagen.

Inzwischen weiß ich, dass ich mit dieser Taktik nicht weit komme. In meiner schwarzen Wolke aus unangenehmen Gefühlen zeigen mir Verdrängung und Beschönigung nämlich nicht den wahren Weg hinaus, sondern den Weg, der nur so tut als ob und mich in Wahrheit noch tiefer hinein leitet. Alles, was verdrängt wird, kommt wieder – solange, bis es angeschaut und gefühlt und angenommen wird. So ist es mit jedem Schmerz, jeder Angst, jedem Zweifel. Fürs Loslassen (und den Schritt hinaus aus der Wolke hinein in den blauen Himmel), wonach wir uns alle so sehr sehnen, ist also das Gegenteil von Verdrängung der Schritt hinaus, nämlich die Annahme. Und zur Annahme gehört für mich die radikale Ehrlichkeit mit mir selbst. Ohne gehts nicht.

aus schwarz wird weiß

Was mir in diesem Zusammenhang noch aufgefallen ist: Ich kann nur ehrlich mit anderen sein, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin. In der Theorie wusste ich das schon vorher, aber wirklich wahrgenommen und gespürt habe ich es erst jetzt. Denn nachdem ich in mein Notizbuch schwarz auf weiß geschrieben hatte, welche miesen Gedanken und irrationalen Ängste mich in der schwarzen Wolke zu halten versuchen, hatte ich Worte dafür. Ich konnte es greifen und anschauen, wenn auch noch nicht vollkommen annehmen. Aber ich hatte Worte, um es anderen zu kommunizieren. Das bedeutete zunächst jedoch nicht, dass ich das tatsächlich auch konnte. Denn nachdem es mir schon so schwer gefallen war, mir selbst gegenüber ehrlich zu sein, war die Überwindung, es anderen gegenüber zu sein, eine noch größere. Es könnten schließlich Unverständnis und Verurteilung und dadurch letztendlich weniger Liebe auf mich warten.

Mich mit radikaler Ehrlichkeit an jemanden zu wenden, kostete mich also jede Menge Mut. Aber es lohnte sich und machte mich um eine positive Erfahrung reicher, die mir wiederum Kraft für eine nächste Situation wie diese verlieh. Das Gespräch mit einem Menschen, dem ich vertraute, nahm der schwarzen Wolke ihre Schwere und färbte sie weiß. In dieser weißen Wolke fühlte ich mich zum einen nicht mehr so ohnmächtig, denn ich konnte die Richtung erkennen, in der es hinausging, und zum anderen nicht mehr alleine. Dieses ehrliche Gespräch befreite mich und zeigte mir (dank des Verständnisses meines Gegenübers), dass jedes Gefühl okay ist und da sein darf, ich mich nicht schämen brauche, weil jeder Mensch Ängste hat, wenn auch sehr individuelle, und es immer einen Weg hinaus gibt.

Mir selbst gegenüber radikal ehrlich zu sein ist nicht nur hilfreich, sondern unumgänglich, wenn ich mal wieder unbemerkt in eine schwarze Wolke geraten bin und wieder raus will. Ohne Euphemismen und vorweggenommenes Happy End in meinen Texten. Ich muss mir selbst die Fragen beantworten, was ich wirklich fühle, wovor ich Angst habe, woran ich zweifle, wovor ich wegrenne, was ich über mich denke, was ich gerade will und was nicht. Und ich muss die Antworten auf dem Papier aushalten lernen. Ich muss sie annehmen lernen und kann sie dann mit jemandem teilen, um ihnen die Schwere zu nehmen und Wege zu finden. Ich will nicht mehr schön verpacken, um mich selbst zu schonen und letztendlich stecken zu bleiben, sondern schnörkellos hinknallen, um rauszufinden.

Ein Gedanke zu “Radikale Ehrlichkeit

  1. Hi Leonie,
    diese Gefühle kenne ich. Selbst wenn es keiner außer mir liest, ist es trotzdem wirklich gar nicht so einfach auf Papier alles los- und rauszulassen. So, als ob es nur nicht wahr ist, weil es nirgendwo steht und, wie du sagst, es eben schmerzlich ist, manche Dinge auf Papier und in die Realität zu bringen (als wären sie es in uns sowieso schon nicht).
    Zulassen, um loslassen zu können – das lerne ich auch noch gerade.
    Liebe Grüße!

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