Es ist okay, nicht okay zu sein

Nein, es geht mir nicht gut. Nein, ich will nicht lächeln. Nein, ich will auch nicht rausgehen. Nein, ich will nicht telefonieren. Nein, ich will jetzt auch keine Gute-Laune-Musik hören, nicht den herabschauenden Hund machen und auch erst recht nicht meditieren. Nein, ich will nicht all die düsteren Gedanken in meinem Kopf einfach wegscheuchen und so tun als ginge es mir blendend. Es geht mir einfach nicht gut. Aber das scheint nicht gut zu sein. Nicht einmal okay.

Mein Bauch tut weh und mein Kopf auch. Ich liege im Bett und schaffe es nicht, aufzustehen. Seit Stunden starre ich an die Decke und im Hintergrund läuft eine melancholische Indie-Playlist. Aber im Vordergrund sind meine Gedanken, laut und alles einnehmend und so grau wie die dicke Wolkendecke draußen. Neben mir liegen eine angebrochene Tafel Schokolade, eine halb geleerte Packung Erdnüsse, mein Handy, auf das ich lange nicht mehr geschaut habe, und eine Wärmflasche. Mein Notizbuch liegt da auch, aber von all den lauten Gedanken kriege ich keinen einzigen gefasst, um ihn aufzuschreiben. Dabei hilft mir Aufschreiben eigentlich immer. Aber in diesem Moment möchte ich gar keine Hilfe. In diesem Moment bin ich einfach nicht okay und möchte es auch nicht sein.

Es geht nicht um gefüllte Konten, sondern erfüllte Herzen

Dabei weiß ich gar nicht mehr so richtig, wie das eigentlich geht. Nicht okay zu sein. Ich habe es verlernt, weil ich selbst und andere etwas anderes von mir erwarten. Nämlich, dass ich doch bitte immer okay und noch mehr als das, nämlich zufrieden, erfüllt, glücklich und in meiner Mitte bin. Wir, ich eingeschlossen, reden davon, dass man sich selbst lieben muss, und davon, wie man wohl das große Glück findet. Wir reden von innerer Ausgeglichenheit, Zufriedenheit, Erfüllung und dem Weg dorthin. Wir wollen uns stetig weiterentwickeln, nicht stehen bleiben, dazu lernen, immer besser werden. Wir meditieren, schreiben Seiten in unseren Journals, sprechen Affirmationen, machen Yoga und besuchen Retreats. Wir lesen Ratgeber, schauen Livestreams auf Instagram und hören Podcastfolgen. Wir verteufeln „höher, schneller, weiter“ auf der vertikalen Achse, wollen aber umso größere Schritte auf der horizontalen Achse in Richtung Erleuchtung gehen. Und auf dem Weg dorthin gleichzeitig schon erfüllt sein. Uns geht es nicht um gefüllte Konten, uns geht es um erfüllte Herzen.

Aber was, wenn wir uns damit in die eigene Tasche lügen? Also in die bis oben hin mit happy feelings gefüllte Tasche. Wenn neben dem ständigen Streben nach Ausgeglichenheit und Erfüllung gar kein Raum mehr bleibt für das Leben, mit seinen schweren Phasen und schlechten Tagen und miesen Gefühlen? Wir tun gerne so als könnten wir, wenn wir denn nur wollen und an uns selbst und das Universum glauben, rund um die Uhr als grinsende Honigkuchenpferde herumlaufen. Als könnten wir auf der Suche nach dem Glück nichts anderes sein als glücklich. Und als wären wir selbst schuld daran und fast schon zu bemitleiden, wenn wir es mal nicht hinkriegen. Wenn dann aus Versehen doch mal miese Gefühle hochkommen und das Grinsen mit einer Träne unterbrochen wird, die nicht überschwänglicher Freude entstammt.

HOnigkuchenpferde und innere Dämonen

Im Grunde ist nichts daran besser als „höher, schneller, weiter“. Wir pressen uns in ein Korsett, in dem wir nicht nach Geld oder gesellschaftlich anerkanntem Erfolg streben, sondern nach Selbstliebe, Happiness und Erfüllung. Und dabei vergessen wir genauso das Leben wie die, die wie wild Karriereleitern hochklettern. Es ist schlichtweg der Versuch einer weiteren Generation, Zufriedenheit und einen Sinn zu finden. Und diesen Versuch unterstütze ich, weil auch ich meinen eigenen Weg suche, auf dem ich persönliche Erfüllung finde, und weil auch ich zufrieden sein möchte. Aber ich finde es gefährlich, alles Negative wegzulächeln und sich selbst und anderen gegenüber Druck aufzubauen, dass man schuld und schwach ist, wenn das Leben dann doch mal scheiße ist. Ich für mich empfinde es auch so, dass ich selbst in der Hand habe, wie ich mit schwierigen Phasen, schlechten Tagen und miesen Gefühlen umgehe. Aber gerade deshalb glaube ich, ist es wichtig, all dem auch eine Daseinsberechtigung zuzusprechen und Raum zu lassen und jeder/jedem seinen/ihren eigenen Umgang damit zu gewähren.

In all unserer persönlichen Weiterentwicklung, unserer Sinnsuche ist es doch das wichtigste überhaupt, zu verstehen, dass zum Leben Licht und Schatten dazugehören. Und Höhepunkte sowie Tiefpunkte, Freude sowie Traurigkeit. Und Tage voller Energie genauso wie Tage voller An-die-Decke-Starren. Und Honigkuchenpferde genauso wie innere Dämonen. Wenn wir das dann verstanden haben, dann können wir das Leben annehmen. Und vielleicht auch uns so annehmen wie wir sind. Und eventuell sogar ein bisschen erleuchteter sein. Und es dann vor allem endlich auch okay finden, auch mal nicht okay zu sein.

Manchmal ist einfach nichts in der Mitte. Da fehlt jedes Gleichgewicht, um überhaupt eine Mitte zu finden. Da weiß ich nicht, wo oben und unten ist. Es geht mir nicht gut, ich will nicht rausgehen, nicht darüber reden und auch nichts dagegen tun. Aber wenn ich weiß, dass das okay ist, dann kann ich irgendwann auch wieder selbst okay sein. Und dann vielleicht sogar darüber schreiben.

Ich bin hochsensibel und du?

Die Autos sind heute irgendwie lauter als sonst. Und so schnell, viel zu schnell. Der Fahrtwind bläst mich fast um. Die Gedanken in meinem Kopf und die Autos neben mir scheinen sich in ihrer Geräuschkulisse gegenseitig übertreffen zu wollen. Mein Kopf brummt. Viel zu laut. Ohne, dass ich es wirklich beabsichtige, werden auch meine Schritte schneller. Meine Sicht verschwimmt. Viel zu viel. Als ich die Tür zur Wohnung aufschließe, lasse ich alles fallen, auch mich. Hier ist es still, aber die Geräusche in meinem Kopf hallen nach. Ein Blick auf mein Handy verrät mir, dass einige Menschen auf eine Reaktion von mir warten. Aber ich kann nicht. Ich kann einfach nicht, meine Finger wollen nichts tippen, meine Augen kein Bildschirmlicht sehen und meine Gedanken in alle Richtungen fliegen, aber sich keine Antworten überlegen. Also schmeiße ich das Handy in die Ecke, schließe meine Augen und lass endlich alles um mich ruhiger und langsamer werden.

So kann es sich anfühlen, hochsensibel zu sein. Aber auch ganz anders. Manche Sinne können schneller überfordert sein als andere. Manche Situationen können anstrengender sein als andere. Auf manche Reize kann stärker reagiert werden als auf andere. Hochsensibilität ist total individuell. Aber halt: Weißt du überhaupt, was Hochsensibilität ist?

Hochsensibilität ist eine versteckte Superpower im Mantel einer Überforderung

Sensibel zu sein bedeutet, empfänglich zu sein für Stimmungen, Kritik, Emotionen und insgesamt äußere Reize und auch mal empfindlich darauf zu reagieren. Ist diese Sensibilität besonders stark ausgeprägt, kann man von Hochsensibilität sprechen. Dann werden äußere Reize noch intensiver wahrgenommen, die Reaktion darauf ist noch stärker und die Verarbeitung noch tiefer. Das bedeutet, Menschenmassen, Lärm oder eine Flut an Nachrichten können ganz schön überfordernd sein. Aber: Positive Reize werden genauso intensiv wahrgenommen. Ein wunderschöner Ort in der Natur, ein Gemälde oder ein toller Moment mit Freund*innen kann also noch mehr ausgekostet werden. Häufig ist auch große Empathie verbunden mit Hochsensibilität. Die kann dann sogar so groß sein, dass die Stimmung und Emotionen eines anderen Menschen adoptiert und selbst gefühlt werden. Das ist, wie du dir denken kannst, Fluch und Segen zu gleich. Deshalb bezeichne ich Hochsensibilität als Superpower im Mantel einer Überforderung. 

Hochsensibel zu sein ist wie besonders lange, trainierte Fühler zu haben, die anderen den Mantel ausziehen, den sie sich übergezogen haben, um ihre Emotionen zu verhüllen. Wie Fühler, die direkt die Stimmung in Situationen und deren Schönheit aufspüren sowie allerlei Einflüsse aufsaugen. Weil all diese Einflüsse erst einmal verarbeitet werden müssen, kann das erst einmal stressig und überfordernd sein. Aber die Hochsensibilität kann natürlich auch genutzt werden, um anderen zu helfen oder wirklich schöne Momente zu erleben.

Was ist falsch mit mir?

In einem Interview der Apotheken Umschau sagte die Psychologin Dr. Sandra Konrad, dass etwa 15 bis zu 30 Prozent der Bevölkerung hochsensibel seien. Doch viele wissen gar nicht davon. Viele fühlen sich ihr Leben lang irgendwie anders und damit häufig falsch. Sie wundern sich, warum sie ständig so schlapp und müde sind, nachdem sie viel Zeit mit anderen Menschen verbracht, eine Veranstaltung besucht oder einen ganz „normalen“ Tag in der Stadt verbracht haben. Hochsensibilität geht auch häufig mit Introversion einher. Introvertierte Menschen tanken Energie im Alleinsein und der Ruhe ohne Einfluss von außen – Situationen wie die genannten kosten sie dagegen eher Energie. Das gilt so ähnlich auch für hochsensible Menschen, die aufgrund ihrer intensiveren Reizaufnahme ebenfalls regelmäßig Ruhe und Zeit ohne viele Reize brauchen.

Als ich das erste Mal von Hochsensibilität gehört habe, ratterte es in meinem Kopf. Aber nicht wie sonst, wenn ich mich fragte, warum ich zu manchen Dingen einfach nicht in der Lage war und mich darüber ärgerte. Die Gedanken, die in diesem Moment durch meinen Kopf flogen, waren irgendwie positiver und wie lauter kleine „Ahas“, die als kleine Lichtkugeln das Wirrwarr lösten. Da waren plötzlich mehr freundliche Ausrufezeichen als drängelnde Fragezeichen. Da waren nicht länger Fragen, sondern endlich Antworten. Was jetzt vielleicht so dramatisch klingt, war schlichtweg eine Erkenntnis, die mich um ein paar Selbstzweifel erleichterte und mir stattdessen eine gewisse Sicherheit schenkte.

Es ist leichter, wenn man den Grund kennt

Und weil ich genau weiß, wie es sich anfühlte, sich falsch zu fühlen, möchte ich – wie zum Glück auch viele andere in den sozialen Medien – dafür sorgen, dass mehr Menschen von Hochsensibilität erfahren und damit das Wirrwarr in ihrem Kopf lösen können. Schließlich geht es dabei nicht nur darum, mehr Selbstsicherheit zu gewinnen, sondern auch, aufgrund dieser Erkenntnis neue Grenzen setzen und für mehr Wohlbefinden sorgen zu können. Und zu erkennen, dass sich eigentlich eine Superpower dahinter versteckt. Seitdem ich weiß, dass ich womöglich einfach sensibler auf Situationen reagiere als andere und Reize ungefilterter und intensiver aufnehme, lege ich mein Handy regelmäßiger weg, entziehe mich der gefühlten Pflicht, reagieren zu müssen, nehme mir noch viel bewusster Zeit nur für mich – auch wenn ich damit nicht immer auf Verständnis stoße – und kommuniziere, wenn mir etwas zu viel wird.

Du musst dich nicht ständig ausgelaugt und überfordert fühlen. Du musst dich nicht als schlechte*r Freund*in fühlen, wenn du gerade einfach nicht auf eine Nachricht oder einen Anruf reagieren kannst. Du musst nicht auf große Veranstaltungen, wenn du danach einen ganzen Tag Ruhe brauchst und sie so gar nicht genießen kannst, nur weil alle hingehen. Du musst den Samstagabend nicht mit Freund*innen verbringen, wenn der Tag in der Stadt schon anstrengend genug war. Du musst dich nicht selbst dafür fertig machen, wenn du von deinem Heimweg entlang der großen Straße total fertig bist. Du musst sowieso gar nichts, wenn dir nicht danach ist. Aber ich weiß, dass es immer ein bisschen leichter ist, Nein zu sagen, wenn man genau weiß, warum man nicht will und was man stattdessen viel lieber tun würde.

Mein Wert ist meine Sache

Draußen sitzt ein Mann, der sich mit jemandem unterhält, der gar nicht da ist. Zumindest für meine Augen nicht. Und für die der Kellnerin auch nicht, wie es scheint, weil sie verwundert nach draußen sieht. Er lacht dabei und scheint irgendwie glücklich. Vielleicht ist es ein alter Freund, den er lange nicht gesehen hat. Er hat viel Gepäck dabei, vielleicht ist er auf der Durchreise und trifft sich auf einen Kaffee zum Quatschen. Die ihn kurz verdutzt dreinblickenden Passant*innen nimmt er gar nicht wahr. Er ist ganz bei sich, seinem Kaffee und seinem Gegenüber. Und ich stelle mir die Frage:

Ist es nicht egal, wie verquer wir alle sind, solange wir glücklich dabei sind?

Wir beurteilen gerne die, die aus der Norm fallen, und fühlen uns gleichzeitig selbst häufig irgendwie falsch und nicht dazugehörig. Und manchmal hängt das zusammen. Dann fühlen wir uns selbst nicht richtig und werten andere ab, um uns aufzuwerten. Um uns irgendeinen Grund zu liefern, warum wir doch gar nicht so blöd sind. Ich könnte mir hier sitzend nun also denken, dass der Typ da draußen ja ganz schön einen an der Waffel hat und es bei mir immerhin noch nicht so weit ist, dass ich mit unsichtbaren Menschen rede. Aber alles, was ich mir denke, ist: Und wenn er doch glücklich dabei ist?

Damit möchte ich nicht sagen, dass ich besser bin als die, die mit der Verurteilung anderer ihr Selbstwertgefühl aufpolieren. Hab ich vermutlich schon unzählige Male genauso gemacht. Doch ich möchte weiterdenken. Weiter als „Die ist schlecht, also bin ich gut“. Weil das – wenn es uns denn irgendwann bewusst wird – augenscheinlich weder nachhaltig gut für mich noch für eine Gemeinschaft ist. Ich möchte heraus aus diesem Kreislauf, in dem miese Gedanken über andere miese Gedanken über mich selbst ablösen und Gefühle wie Selbstsicherheit und Erhabenheit mit Gefühlen wie Einsamkeit und Unsicherheit fangen spielen. Weil dieser Kreislauf schon lange nicht mehr und im Grunde noch nie gesund war, nicht für mich und auch für niemanden sonst.

Mein Glück ist hier

Also schaue ich noch eine Weile dem Mann draußen zu. Nicht aus dem Grund, um ihn auszulachen, sondern um von ihm zu lernen. Wenn ich ihn nicht verurteile, ja gar nicht erst beurteile, ändert das rein gar nichts an meinem Wohlbefinden. Und das ist gut so. Ich bleibe schlichtweg weiterhin hier sitzen mit meinen Gedanken über mich selbst. Ich bin hier und er da draußen. Mein Glück ist hier und seins da draußen. In diesem Moment übernehme ich die Verantwortung für mich selbst und schiebe sie nicht länger denen, die noch mehr falsch als ich zu sein scheinen, in die Schuhe. Nicht die bestimmen, wie ich über mich selbst denke, sondern ich. Niemand kann etwas an meinem eigenen Wert verändern – und noch nicht einmal ich selbst. Aber es ist an mir, ihn zu erkennen.

Niemand kann etwas an meinem eigenen Wert verändern.

So ist das mit dem Selbstwert. Wir alle sind etwas wert, wir sind bereits wertvoll auf diese Welt gekommen. Ohne, dass wir irgendetwas geleistet haben oder irgendwie gewesen sind. Unseren Wert haben wir einfach inne. Punkt. Doch irgendwann beginnen wir, Überzeugungen, wie wir zu sein und was wir zu tun haben, anzunehmen und die Sicht auf selbst verändern zu lassen. Diese Überzeugungen und die Erfahrungen, die wir sammeln und die uns zeigen, dass wir doch nicht richtig sind, legen sich Schicht für Schicht um unser Herz und vergraben unseren Wert unter sich. Es ist also kein Wunder, dass wir ihn irgendwann vergessen. Unser schlaues Köpfchen kramt dann aus seiner Trickkiste Tricks heraus, wie etwa den Wert anderer gedanklich zu schmälern, um uns selbst zu beweisen, dass wir zumindest im Gegensatz zu ihnen schon irgendwo etwas wert sind.

Und wenn wir uns dessen nicht irgendwann bewusst werden – sei es durch das Lesen von Büchern zu Persönlichkeitsentwicklung, den Besuch von Seminaren oder Vipassanas oder kurze Momente wie diese -, schwirren wir unser Leben lang unbewusst in diesem trickreichen Kreislauf.

Solange ich glücklich bin

Ich bewundere die Tricks meines Köpfchens, aber ich durchschaue sie langsam. Zumindest den ein oder anderen, denn mein Köpfchen ist nach wie vor schlauer als ich. Und auch die Schichten um mein Herz möchte ich aufbrechen, um mir meines Wertes bewusst zu sein und meine Verantwortung nicht länger abzugeben. Um zu erkennen, dass ich so verquer sein kann wie ich will, solange ich glücklich bin. Und dass ich glücklicher sein kann, indem ich mich an meinen Wert erinnere. Und dass der Mann da draußen ebenfalls so verquer sein kann wie er will, wenn er doch glücklich ist. Und das rein gar nichts mit mir zu tun hat.

Wie ein Fähnchen im Wind

Ich stelle den Wecker um 6 Uhr, damit ich meditieren und Yoga machen und dann um 9 Uhr das Arbeiten anfangen kann. Ach, ich fange einfach erst um 11 Uhr an und arbeite abends länger, ist auch okay. Ja, ich bin zufrieden damit, von zu Hause aus zu arbeiten. Ach, ich könnte mir auch einen Platz in einem Coworking Space mieten. Ich werde weniger auswärts essen, ich gebe wirklich zu viel Geld dafür aus. Ach, im Café bin ich einfach kreativer und abends Essen zu gehen ist so ein schöner Tagesabschluss. Du findest, wir sollten uns nicht mehr sehen, weil wir uns nicht guttun? Du hast recht. Ach, aber gegen ab und zu unverbindlich treffen ist doch nichts einzuwenden, oder?

Ich bin ein Fähnchen im Wind. Eines, das sich für keine Richtung festlegt. Das mal hierhin und mal dorthin weht. Das sich von außen beeinflussen lässt. Dabei würde ich so gerne nur noch in die Richtung wehen, die mir entspricht. Welche das ist? Keine Ahnung. So wie ich als Kind möglichst schnell erwachsen sein sollte, so sehne ich mich jetzt danach, eine Richtung für mich zu finden und mich darauf festzulegen. Es kann mir nicht schnell genug gehen. Doch dabei vergesse ich, dass es ein Prozess ist, eine Entwicklung, ein Weg. So wie alles.

Manche Antworten kenne ich, andere nicht

Manche Antworten habe ich bereits gefunden. Zum Beispiel, dass ich mich vegetarisch ernähren möchte, um meiner Umwelt und den Tieren, unseren ebenbürtigen Mitbewohner*innen, eine Chance zu geben. Oder auch, dass ich mich für mehr Körperliebe, Vielfalt und Gleichberechtigung in der Gesellschaft einsetzen möchte. Ich habe Themen gefunden, für die ich brenne, und Werte, für die ich einstehe. Ich habe Verhaltensweisen gefunden, die ich gerne behalten oder mir aneignen möchte. Und ich habe manches Ziel für mich definiert, das ich gerne erreichen möchte – nicht des Erfolges, sondern meiner Träume wegen.

Wie werde ich vom Fähnchen im Wind zum Felsen in der Brandung, der allen Stürmen trotzt?

Doch viele Antworten kenne ich noch gar nicht. Und das macht mich ungeduldig. Ich bin ein Fähnchen im Wind, das keines sein will. Viel lieber will ich einen Plan haben, Bescheid wissen und klipp und klar Entscheidungen treffen. Ich will in jedem Moment eine klare Meinung vertreten anstatt zu zweifeln, zu schwanken und unsicher zu sein. Ich muss noch nicht das Ende kennen, aber zumindest die Richtung. Ich muss noch nicht wissen, wo ich in einem Jahr bin, will aber überzeugte Schritte dorthin gehen. Aber wie schaffe ich das? Wie werde ich vom Fähnchen im Wind zum Felsen in der Brandung, der allen Stürmen trotzt?

Ein fuß vor den anderen

Ich werde es lernen. Indem ich einen Fuß vor den anderen setze, mal vorsichtig die Zehen vorstrecke und mal mutig auf den Boden stampfe, und meinen Weg finde. Indem ich eine Abzweigung nehme, die sich als Sackgasse entpuppt, und wieder umkehre. Indem ich über Hindernisse falle und mich mal schneller und mal langsamer wieder aufrapple. Indem ich immer weitergehe und dabei das Vertrauen nicht verliere, dass sich alle Antworten finden werden. Ich werde mit jedem Schritt dazulernen und mit jedem Schritt trittsicherer. Ob ich jemals ein steinharter Felsen werde, den nichts mehr umhaut, weiß ich nicht. Vom Fähnchen zum Felsen ist es ein weiter Weg. Vielleicht werde ich irgendetwas dazwischen, das nicht mehr nur flattert, sondern seine Richtung kennt, seine Meinung hat und trotzdem schwanken und sich umentscheiden darf.

We dance inside the storm.

Sam Garrett

Im Nachhinein betrachtet habe ich einiges in meiner Kindheit und Jugend verpasst, weil ich so unbedingt erwachsen sein wollte. Ich möchte nicht, dass es mir später noch einmal ähnlich geht, wenn ich zurückblicke und feststelle, dass ich den Weg gar nicht genossen habe – nur aus dem dringenden Bedürfnis heraus, fest zu stehen anstatt zu flattern. Sam Garrett singt „We dance inside the Storm.“ Das fasst es für mich zusammen. Ich gehe diesen Weg und tanze dabei. Und finde so immer tiefer in den Sturm hinein, wo ich mich umentscheide und schwanke, bis ich irgendwann im Inneren des Sturms angekommen bin, wo es ganz still ist. Und ich tanze immer weiter und lerne dabei und finde meine Antworten. Und bin dabei nicht länger ein Fähnchen im Wind, sondern einfach ich selbst.

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Erfülltes Herz vs. ängstlicher Verstand

Wenn ich schreibe, dann tanzt mein Herz. Wenn ich eigene Geschichten aufschreibe, wenn ich Menschen mit meinen Worten bewegen und bestärken kann, wenn ich Texte in Magazinen veröffentlichen darf, wenn ich an der Gestaltung und Umsetzung eines ganzen Magazins mitwirken darf. Es erfüllt mich mit Freude, Leidenschaft und ganz viel Dankbarkeit. Beim Schreiben, Konzipieren, Kreativsein und später dann Veröffentlichtes in den Händen Halten empfinde ich eines der wundervollsten Gefühle der Welt. Besser könnte es also gar nicht sein, oder?

Und trotzdem zweifle ich. An mir und meinen Fähigkeiten. An meinen Leistungen. An meinen Entscheidungen. Am großen Ganzen. Trotzdem schäme ich mich manchmal für mein Einkommen. Trotzdem bin ich manchmal unsicher, wenn ich anderen von erzähle. Trotzdem fühle ich mich manchmal klein und unbedeutend.

Es kriselt

So steht mein erfülltes Herz nicht selten meinem ängstlichen Verstand gegenüber. Es kriselt zwischen den beiden, die flimmernde Spannung ist beinahe zu sehen. Zu spüren ist sie allemal, irgendwo in mir zwischen Brust und Hals. Es ist als könnte ich die ganze Welt umarmen, im letzten Moment jedoch gebremst und von einer unsichtbaren Macht zurückgehalten werden. Mein ängstlicher Verstand sperrt mich in einen Käfig aus Sorgen und Zweifeln. Lieber nicht, sagt er. Lieber nicht zu wohlfühlen mit dem Schreiben, sagt er. Lieber nicht auf die Erfüllung bauen und dankbar sein. Ist doch viel zu unsicher und trügerisch, wirft doch viel zu wenig ab, ist doch nichts mit Zukunft. Mein Herz ist laut und quirlig, aber mein Verstand weiß es zu übertönen mit seinem gemäßigten, aber sehr bestimmten, vernunftgesteuerten Ton.

Und dann sitze ich da. Mit angespannter Brust, Konflikt in mir und unsichtbarem Käfig um mich. Und komme nicht vor und nicht zurück. Außen bewegungslos, innen voller fliegender Gedankenfetzen und verwirrter Gefühle. Mein Herz und mein Verstand spielen Ping Pong in mir und ich bin ihnen scheißegal.

ein käfig dient mir nicht

Nein, natürlich weiß ich, dass das nicht stimmt. Mein Verstand wünscht sich Sicherheit, mein Herz nichts sehnlicher als Erfüllung und beide meinen es gut mit mir. Da sprechen zwei Stimmen in mir, die beide ihre Berechtigung haben. Und letztendlich ist es an mir, mich zu entscheiden, welcher Stimme ich folge. Mit jeder Situation neu. Irgendwie ist das auch toll. Ich selbst habe die Power, immer wieder neu zu wählen. Möchte ich mich gerade in erster Linie vernünftig entscheiden, um mich sicher zu fühlen, oder möchte ich auf mein Herz hören, um erfüllt zu sein? Auch wenn ich ein absoluter Herzmensch bin und meinen Verstand mit seiner Vernunft, seinen Sorgen und seinen Zweifeln die meiste Zeit einfach nur rausschmeißen möchte, erkenne ich seinen Zweck.

Doch ich möchte lernen, seine Stimme auch wirklich leise drehen zu können in den Momenten, in denen ich mich für mein Herz entscheide. Denn ein Käfig dient mir nicht. Nie, um genau zu sein. Es ist wichtig für mich, seine unsichtbaren Mauern ein für alle Mal einzureißen, um das tun zu können, was ich wirklich möchte. Um meine Gedanken und Worte in die Welt hinausschreien zu können, um zeigen zu können, wer ich bin und was ich kann, um noch mehr Ideen überhaupt entstehen lassen zu können. Nur ohne Grenzen haben meine Gedanken auch den Platz, den sie verdienen, um zu wachsen und größer und irgendwann zu Visionen zu werden. Und sind sie dann Visionen, sprechen immer noch zwei Stimmen in mir. Aber das ist gut so. Denn meine Visionen erfüllen mein Herz und halten meinen Verstand instand. Nur das Schreiben lässt mich leben.

Das mit dem Glauben an mich selbst

Ich glaube an die Liebe. Ich glaube nicht an Gott. Ich glaube an Energien. Ich glaube nicht an Zufälle. Ich glaube, dass ich hier bin, um mein Talent so einzusetzen, dass ich anderen damit helfe. Ich glaube nicht, dass es nur eine Wahrheit gibt. Ich glaube, dass wir alles in uns haben, um Großes zu erreichen. Ich glaube nicht, dass Träume zu groß sein können.

Manchmal sagen wir „glauben“, obwohl wir „wissen“ meinen. Vielleicht aus Unsicherheit. Wir streuen das Wort beinahe inflationär in unsere Sätze und glauben damit ganz schön viel. Nur nicht an uns selbst. Mit dem Glauben an sich selbst ist der Glaube an die eigenen Fähigkeiten, die eigene Stärke, die eigene Daseinsberechtigung gemeint. Doch stattdessen glauben wir, nicht genug zu sein, zu dick oder zu dumm zu sein, zu faul oder zu verbissen, zu alt oder zu groß. Davon sind wir so felsenfest überzeugt, dass wir glauben, es zu wissen. Unserem Glauben zufolge sind wir vieles, aber niemals genug. Und wenn ich von „wir“ spreche, dann schließe ich mich ein.

Was ich darüber gelernt habe

Ich dachte, ich könnte das inzwischen. Das mit dem an mich Glauben. Immerhin habe ich zig Ratgeberbücher gelesen, Podcasts gehört, Online-Kurse gemacht, regelmäßig meditiert, reflektiert und darüber geschrieben. Doch es gibt sie immer wieder: die Momente, in denen der einzige gefestigte Glauben über mich, ja das beinahe schon Wissen ist, dass ich nichts kann. Wenn sich kleine Fehltritte und negative Kritik häufen und ich den Kritiker*innen sofort mehr Glauben als meinen Fähigkeiten schenke. Oder wenn ich mich konsequent ablenken lasse und nichts auf die Reihe bekomme. Oder ich anderen bei ihren Erfolgen zusehe. Hach ja, wie ich sie liebe, diese Momente. Dabei fühle ich mich immer so richtig gut und frei und energiegeladen und selbstbewusst. Nicht.

Aber was ich inzwischen weiß, ist, warum sich gerade dieser Glauben bei mir als Wissen einschleicht. Und zwar hat er sich schon vor langer Zeit gefestigt. So wie bei vielen von uns, so wie bei dir vielleicht auch. Ich wurde in meiner Kindheit für meine Fehler geschimpft, meiner Empfindung nach unverhältnismäßig doll. Dafür möchte ich niemandem einen Vorwurf machen. Aber ich weiß inzwischen, dass mich die „Bestrafung“ für meine Fehler nachhaltig verletzte und den Glauben entstehen ließ, nicht gut genug zu sein und keine Fehler machen zu dürfen. Und es ist gut, dass ich das weiß. Denn das Bewusstsein darüber nimmt dem Glauben etwas von seiner Felsenfestigkeit.

warum ich darüber schreibe

Inzwischen bin ich mir dessen nicht nur generell bewusst, sondern bemerke es in der Situation selbst. Ich entlarve den sich als Wissen verkleideten Glauben und den dazugehörigen Strudel aus Selbstzweifeln, in den ich dann gerne gerate. Und wie wir alle wissen, ist der erste Schritt zur Veränderung die Erkenntnis. In meinem Notizbuch reihen sich Seiten an Seiten, auf denen ich immer ähnliche Szenarien beschreibe: Ich befinde mich mitten im Strudel von Überzeugungen über mich selbst – eine fieser als die andere – und verzweifle bei meinen vergeblichen Versuchen, herauszuklettern. Das mag für den Leser nicht besonders spannend scheinen, hat mir jedoch dabei geholfen, zu reflektieren und meine Muster zu erkennen. Vielleicht hilft es dir ja auch.

Warum ich dann auch noch hier darüber schreibe? Weil ich nicht nur glaube, sondern weiß, dass sich viele von uns in ähnlichen Strudeln gefangen sehen, auch wenn sie es vielleicht nicht als solche wahrnehmen. Und deshalb nutze ich meine Worte um euch, um dir zu sagen: Nur weil du glaubst, zu wissen, dass du nicht gut genug bist, ist das noch lange nicht die Wahrheit. Dein schlaues Köpfchen hat sich mit der Zeit allerlei Überzeugungen zurechtgelegt, um sich vor wiederholten Verletzungen zu schützen, und verkauft sie dir als Wahrheit, damit du sie beibehältst. Dabei ist die eigentliche Wahrheit: Du bist wundervoll und gut und stark genug, um das Risiko einzugehen und an dich selbst zu glauben. Kritiker*innen kommen und gehen und es werden nie alle gut finden, was du tust, und manche werden recht haben mit ihrer Kritik und du wirst daran wachsen und lernen, aber dabei immer schon gut genug sein.

Du bist genug so wie du gerade bist, weil du bereits alles in dir hast, um das zu tun, was dich erfüllen wird.

So wie auch ich gehst du deinen eigenen Weg, auf dem dir weder Schreiben noch Meditieren helfen müssen. Nur weil ich es so erzähle, muss es nicht für dich so gelten. Vielleicht bist du auch schon viel weiter und kannst mir noch etwas beibringen. Das, worum es mir hier geht, ist, offen und ehrlich zu sein, die eigenen Worte zu nutzen, um andere zu bestärken, aber eben auch, um eigene Schwierigkeiten zu kommunizieren, um überhaupt ein Gespräch zu ermöglichen, zu inspirieren und zu lernen. Denn ich glaube, dass es darum geht im Leben. Ich glaube es.

Eine Kurzgeschichte: Du, ich und alles, was ich lernen durfte

Du und ich. Wir zwei sind eine kurze Geschichte. Die ganz schön lange gedauert hat. Wenig Inhalt für so viel Zeit und deshalb schnell erzählt. Der Einstieg etwas unbeholfen aber schön, dann ein paar Absätze voller unerwiderter Gefühle und Drama, gefolgt von einer Pause, ein paar Zeilen voll von freier Leidenschaft und schlussendlich einem abrupten Ende. Doch für mich und mein Leben waren wir mehr als das. Da waren wir vielleicht einer der lehrreichsten Meilensteine überhaupt.

Also von vorne

Ich sehe dich vor mir in deinem Parka und deinen schicken Stiefeln, glatt rasiert, schlank und jung. Nachdem wir vor unterschiedlichen Bars aufeinander gewartet haben. Ich bin ein bisschen nervös, weil du so schön bist. Wir unterhalten uns lange, aber schwimmen schon damals nicht auf der gleichen Wellenlänge. Du trinkst Cola und ich Caipi. Du erzählst von deinen Karriereplänen und Erlebnissen in den Schickimicki-Clubs der Stadt und ich von meinen idealistischen Träumen und Schreibereien. Doch irgendetwas in mir weiß schon damals, dass mir unter dem Parka ein unsicherer kleiner Junge mit weichem, verletzlichem Kern gegenüber sitzt. Und dass du in Wahrheit nichts trinkst, um mich dann nach Hause fahren zu können.

Bei mir angekommen, frage ich dich – mutig vom Alkohol und irgendwie aufgeputscht von deinem Blick -, ob du noch mit rein kommen willst. Du stellst den Motor aus und grinst. Genauso wie später, als ich in deinen Armen liege. Und das ist der Moment. Der Moment, in dem mein Herz hüpft und ansagt, dass ich bereits gefallen bin. Weil sich jetzt und hier der Junge in dir zeigt. Weil du mit deinem Parka und deinem Hemd auch deine Abgeklärtheit, Oberflächlichkeit und diesen Hauch von Arroganz abgelegt hast. Weil du hier in meinem Bett nicht möglichst cool wirken willst, sondern losgelöst und ohne Absicht grinst. Weil du jetzt erst du bist. Als du irgendwann aufstehst, um dich wieder anzuziehen und zu gehen, bin ich dir nicht böse. Viel eher fühle ich mich so beflügelt, so leicht und so verdammt verwegen wie lange nicht.

Die Rosarote Brille

Zu diesem Zeitpunkt bin ich der Überzeugung, dass Sex beim ersten Date das schlechteste Omen überhaupt für etwas mit Zukunft ist. Dabei ist alles, was ich will, etwas Romantisches mit Zukunft und jemandem, der mich auf Händen trägt. Nachdem ich eine lange Zeit mit jemandem verbrachte, der mich stattdessen mehrmals fallen ließ. Ich gehe also davon aus, einen Fehler gemacht zu haben, während ich gleichzeitig höher als auf Wolke 1000 schwebe, und beschließe aus diesem Konflikt heraus, etwas ohne Gefühle mit dir anzufangen. Und begehe mit 1001 Gefühlen im Bauch den nächsten Fehler. Anstatt mir selbst so viel wert zu sein, mich vor dem nächsten Fall selbst zu beschützen, trage ich stolz die rosarote Brille – nackt im Bett mit dir.

Überhaupt passen rosarote Brillen sowieso viel besser zum Sommerkleid beim gemeinsamen sonntäglichen Spaziergang mit Händchenhalten als zu nackter, verschwitzter Haut zwischen Laken.

Weil ich das noch nicht weiß, steuere ich volle Kraft voraus auf den nächsten Fall zu. Natürlich vollkommen durchschaubar mit dem Gedanken, dich vielleicht noch umstimmen zu können. Denn du willst absolut nichts Festes und bist dabei leider ziemlich fair, du erklärst es mir und bist konsequent. Also verpasse ich mir selbst den ein oder anderen Stoß in den Bauch, als ich dich im Club mit einer anderen rummachen sehe oder stundenlang auf deine Nachricht warte, die nicht kommt. Um die Wunden zu heilen, hole ich dich mitten in der Nacht betrunken vom Feiern ab oder fahre nach einem super anstrengenden Tag nur für ein paar wenige Stunden und eine Portion Berührung und Zuneigung zu dir. Denn ich bin mir nicht gut genug, um mir diese Anerkennung selbst zu schenken.

Crash.

Du kommst zu mir. Ich kippe vorher drei Shots, um mir mal wieder Mut anzutrinken. Aber diesmal, um dir zu sagen, dass ich nach wie vor die rosarote Brille trage und deshalb so nicht weitermachen kann. Denn ich habe irgendwo doch noch ein Fünkchen Achtung vor mir selbst gefunden. Doch bevor sich der Alkohol bemerkbar machen und ich zu Wort kommen kann, liege ich ein weiteres Mal unter dir. Ein paar Tage später schreibe ich dir feige alles in einer Nachricht auf WhatsApp und du sagst, dass es dann wohl besser sei, wenn wir das beendeten. Ich weine, ich schreie, ich schreibe. Weil Schreiben schon immer das ist, was meinen Gedankenklumpen im Kopf erleichtert und den Schmerz im Herz zumindest ein bisschen lindert.

Aber aus einem klaren Cut wird eine On-Off-Geschichte, die noch nicht einmal diesen Namen verdient, weil ja niemals etwas on war zwischen uns. Während der zwei Jahre, in denen du und ich immer wieder zueinanderfinden, gibt es durchaus auch andere Männer. Und bei dir ohnehin andere Frauen. Doch um ganz ehrlich zu sein, komme ich nie so richtig von dir los, bis ich schließlich einen Mann kennenlerne, der mich vom einen auf den anderen Tag vollkommen in seinen Bann zieht. Und zwar mehr und ganzheitlicher als du es je getan hast.

nochmal, aber anders

Nach zwei Jahren ist Schluss. Und ganz still und leise schleichst du dich wieder in mein Leben. Aber dieses Mal auf eine andere Art und Weise. Du hilfst mir über den Trennungsschmerz hinweg und ich finde den Spaß an leidenschaftlichem Sex ohne Gefühle und Bindung, den ich immer wollte. Dass der Grund dafür sein könnte, dass mein Herz mich nach dem großen Schmerz vor Gefühlen jeder Art beschützen möchte, ist mir egal. Denn es ist verdammt gut. Weil wir uns so gut kennen, probieren wir all das miteinander aus, das wir uns bei neuen (Sex-)Partnern nicht zu äußern trauen.

Und mit dem nötigen Abstand erkenne ich nun auch selbst, dass wir nie für etwas anderes gedacht waren. Wir sind immer noch die, die sich damals nervös in der Bar gegenüber saßen, nur mit noch ein bisschen mehr Lebenserfahrung und damit noch unterschiedlicheren Einstellungen. Ich die Feministin, du der sexistische Sprücheklopfer, dessen Kern ich jedoch nach wie vor als gutherzig und sensibel einschätze. Aus uns konnte und kann niemals das werden, was ich mir damals durch die rosarote Brille ausmalte. Und das ist vollkommen okay so.

Gehen oder bleiben?

Irgendwann allerdings wirst du unfreundlich. Weil wir das sind, was wir sind, und das noch nicht einmal in eine Schublade passt, scheinst du den Respekt vor mir verloren zu haben. Du behandelst mich wie jemanden, der oder die dir vollkommen egal und noch egaler als das ist. Und seien wir ehrlich: Egal wollen wir nicht einmal dem- oder derjenigen sein, der oder die eine Nacht mit uns im Bett verbringt. Denn Egalsein erfüllt nicht unser Bedürfnis nach Anerkennung, das wir unweigerlich alle in uns tragen. Und Respekt ist sowieso das, was im Umgang miteinander – und zwar jeglicher Form – immer gegeben sein sollte. Also beginne ich mich unwohl zu fühlen. Und stehe damit vor derselben Entscheidung wie vor ein paar Jahren: gehen oder bleiben?

An dieser Stelle der Geschichte steht nun alles, was man von mir halten könnte, endgültig auf der Kippe. Es ist nicht so, dass ich stolz bin auf den Weg bis hierher. Auf diese Geschichte, in der ich immer wieder eine Abzweigung nahm, die eine Frau, die sich selbst akzeptiert, liebt und etwas wert ist, nicht nehmen würde. Trotzdem beschreibe ich all das so offen und ehrlich – aus einem Grund: Es ist ein Weg. Mein Weg. Und auf diesem Weg bin ich gestolpert, habe ich falsche Abzweigungen gewählt und bin in diverse Löcher gefallen, aus denen mein Herz ein paar Kratzer davon getragen hat. UND: Ich bin an all dem gewachsen und habe gelernt, was das Zeug hält. Diese Selbstliebe, von der alle sprechen, ist nicht wie ein Glückscent auf dem Gehsteig plötzlich einfach da und gehört mir dann. Sie wächst langsam aber stetig, nährt sich aus Fehlern und Entscheidungen und braucht dabei meine Geduld und Fürsorge. Und deshalb schaue ich zurück und akzeptiere meinen Weg, meine Entscheidungen und damit mich selbst.

Und entscheide mich, zu gehen.

Wir beide waren und sind eine schnell erzählte Kurzgeschichte, die nun ihr Ende gefunden hat. Drama, Leidenschaft und Verlangen wollen dem Inhalt zwar Tiefe verleihen, doch letztendlich war nichts von uns jemals ansatzweise tief. Wir bewegten uns auf unseren unterschiedlichen Wellenlängen immer eher an der Wasseroberfläche – du trautest dich nicht in die Tiefe und ich traute mich nicht, einfach auszusteigen. Bis ich irgendwann den Mut fand, es tat und letztendlich erkannte, dass wir mit unserer Kurzgeschichte ein Teil sind, der zu mir und meiner eigenen Geschichte dazugehört und immer dazugehören sollte. Und das ist gut so.

Wie ich meinen Rucksack voller Vorwürfe ausmistete

Möglicherweise weißt du es nicht, vielleicht bist du dir dessen gar nicht bewusst, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass auch du jede Menge Vorwürfe gegen dich selbst mit dir herumträgst. Warum ich das glaube? Weil wir das alle tun. Und zwar kommen wir alle mit einem kleinen Rucksack auf die Welt. Bei unserer Geburt ist er winzig klein, kaum zu sehen, beinahe unsichtbar und leer. Doch im Laufe unseres Lebens füllen wir ihn. Mit Erlebnissen und Erfahrungen, mit Überzeugungen und Träumen, von denen viele häufig gar nicht unsere eigenen sind. Denn als junge Menschen saugen wir alles um uns herum auf und besonders das, was unsere Eltern und Vorbilder uns erzählen. Und wir füllen ihn mit Vorwürfen, gegen andere und uns selbst.

An sich ist dieser Rucksack wundervoll, weil wir in ihm unsere Erinnerungen transportieren und immer wieder herausholen können. Und weil wir auf all die Erfahrungen, negativ und positiv, zurückgreifen und dadurch lernen und wachsen können. Das ist toll. Aber leider wiegen gerade und vor allem die negativen Überzeugungen und Vorwürfe, die uns nicht nutzen sondern bremsen, besonders schwer. Das sind Sätze wie „Das kann ich nicht“, „Ich bin nicht schön genug“ oder „Ich bin viel zu faul und zu undiszipliniert“. Sätze, die so schwer auf unseren Schultern wiegen, dass sie uns am Tanzen hindern, uns Energie rauben und uns in die Knie zwingen und damit klein halten. Sie sind es, die uns innerlich blockieren und davon abhalten, unsere Träume zu verwirklichen und das Leben zu leben, das wir uns heimlich wünschen.

Na, weißt du jetzt, wovon ich spreche, und stimmst mir zu, dass auch du das kennst?

Es ist an der zeit, auszumisten

Weil ich mir dieses Rucksacks schon einige Zeit bewusst bin, stellte sich mir die Frage, wie ich diesen ganzen schweren Kram loswerden und Platz schaffen konnte für die Überzeugungen, die mich weiterbringen, und die Träume, die mich wirklich glücklich machen. Also kramte ich in der Kiste guter Ratschläge, die sich ebenfalls über die Jahre mit mal mehr, mal weniger Hilfreichem gefüllt hatte, und stieß auf den Satz: Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Und der passt ja irgendwie immer.

Also entschied ich mich dazu, mir erst einmal den kompletten Inhalt meines Rucksacks vor die Füße zu kippen und anzuschauen. In Sekundenschnelle war ich von Staub umhüllt und bekam einen riesigen Hustenanfall. Nice. Aber kein Wunder, manches befand sich einfach schon über 20 Jahre darin. Den ein oder anderen Traum konnte ich so wie er war in die Tonne klopfen, weil er seine Haltbarkeit bei weitem überschritten hatte. Ja, und dann stand ich da vor einem Berg voller negativer Überzeugungen über mich und das Leben, Vorwürfen gegen mich selbst und auch gegen andere, die ich jahrelang mit mir herumgetragen hatte, mir jedoch nie bewusst darüber gewesen war. Jetzt war die Zeit gekommen, mir alles einzeln und ganz genau anzusehen, um mir endlich bewusst zu werden. Denn Erkenntnis = Bewusstsein.

Was ich erkannte

Da waren Sätze dabei wie „Ich bin nicht gut genug“, „Ich bin zu faul“ oder „Ich muss das alleine schaffen“. Was ich beim Aussortieren auch lernte: Jeder dieser Sätze basierte auf Erfahrungen, die mich so nachhaltig geprägt hatten, dass sich Überzeugungen daraus geformt hatten. Überzeugungen, die mich wiederum davon abgehalten hatten, dieselben, meist auf irgendeine Weise schmerzhaften Erfahrungen noch einmal zu machen, und somit als Schutzschild gedient hatten. Ich konnte ihnen also noch nicht einmal richtig böse sein. Und trotzdem wusste ich ja, wie und wovon sie mich die vergangenen Jahre davon abgehalten hatten. 

Nachdem ich alle Glaubenssätze und Überzeugungen vor mir mal umgedreht und hin- und hergeschoben hatte, sortierte ich aus. Das war nicht schwer. Schließlich erkannte ich, wie sie da so vor mir lagen, sehr schnell, welche mich weiterbrachten und welche nicht. Ich machte zwei Stapel. Doch der schwierige Part wartete ja noch auf mich: das Entsorgen und Loslassen des „schlechten“ Stapels. So sehr ich es versuchte, ich schaffte es nicht. Ich ließ Zeit vergehen und füllte meinen Rucksack währenddessen mit neuen, kraftvollen Sätzen. Ich übte sie jeden Tag ein, doch der Stapel im Eck schlich sich immer wieder in meine Gedanken und versuchte dort, wieder und wieder Negatives unterzumischen.

Ein kleiner, feiner Trick

Irgendwann hatte ich genug. Das ein oder andere Projekt hatte ich inzwischen sausen lassen, weil der Stapel im Eck einfach zu laut wurde. Und vor allem die alten Vorwürfe, dass ich zu faul sei, zu leise, zu schlecht, zu dies und zu das, machten so Radau in meinem Kopf, dass ich nicht mal mehr schlafen konnte. Also knipste ich meine Nachttischlampe an, schnappte mir mein Notizbuch und schrieb. Und zwar eine Liste aus allen Vorwürfen, aber als Tatsachen formuliert. Zum Beispiel „Ich bin lieber alleine als unter vielen Menschen.“ oder „Ich schiebe Bürokratiekram vor mir her, weil ich Angst habe, etwas falsch zu machen.“ Das schmerzte. Und wie. Denn so wollte ich nicht sein, deshalb warf ich es mir ja tagtäglich vor. Es waren Eigenschaften und Verhaltensmuster, die ich ablehnte. Und jetzt standen sie da aufgelistet auf dem Papier vor mir.

Doch dann kam mir eine Idee. Ich trickste mich selbst aus und nannte die Liste „Was an mir okay ist“. Vielleicht ahnst du, welchen Effekt diese fünf Worte auf mich hatten. Es war verrückt, fast magisch. Diese Überschrift sortierte alles, was folgte, einfach in eine andere Schublade ein. Und zwar in die mit den Dingen, die okay sind an mir. Die ich zwar vielleicht (noch) nicht umarmen und lieben, aber zumindest akzeptieren kann. Schwupsdiwups war all dem der Schmerz und das Gewicht genommen. Ich fühlte mich irgendwie leicht und befreit, knipste das Licht aus und schlief so gut wie lange nicht.

Natürlich waren das lediglich die ersten, kleinen Schritte auf meinem Weg weg von den verpassten Chancen hin zur Verwirklichung meiner Herzenswünsche. Aber zumindest konnte ich den Weg von da an mit etwas leichterem Gepäck bestreiten. Falls also auch du mal keinen Bock mehr auf diese Last auf deinen Schultern hast, dir aber mit dem Loslassen schwertust, lege ich dir ans Herz, dich einfach mal selbst auszutricksen. Ja, vermutlich ist auch dein Gehirn so einfach gestrickt – zum Glück, denn so kannst du dich endlich mit leichterem Gepäck auf den Weg machen!

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Vom Stillsein und anderen mutigen Sachen

Auf das Fensterbrett fallen Tropfen, die vorher am Fensterglas entlanggeflossen sind. Ich schaue ihnen zu und die Gedanken in meinem Kopf fließen ähnlich langsam aber stet. Ansonsten ist es still. Und die Stille auch gleichzeitig das, was mich am meisten beschäftigt. Denn mit meiner eigenen Stille konnte ich lange nicht umgehen. Ich lehnte mich selbst dafür ab, leise zu sein. Dabei ist Leisesein mein natürlichster Zustand.

Ich bin leise, wenn jemand spricht. Ich höre lieber zu als selbst zu erzählen. Ich bin auch leise, wenn niemand spricht und kann Stille gut aushalten. Ich denke viel im Stillen, spreche aber nicht alles laut aus. Im Stress bleibe ich leise. Ich brauche viel Ruhe und dafür nur mich selbst. Um Energie zu tanken, bevorzuge ich Stille anstatt Gesellschaft. Ich liebe Plätze in der Natur, an denen die lautesten Geräusche wehende Blätter, plätscherndes Wasser und Vögel sind. Und wenn ich von all dem genügend habe und all das sein darf, dann kann ich auch wieder die Musik aufdrehen und mich in die Lärmkulisse der Stadt werfen.

Leise und damit falsch

Gespürt habe ich das schon immer. Aber so richtig anerkennen und vor allem akzeptieren wollte ich es nie. Weil unsere Gesellschaft nach den Lauten fragt. Die Lauten bekommen die Jobs, werden im Fernsehen gezeigt und dienen als Vorbilder. Sie bekommen die volle Aufmerksamkeit. An Aufmerksamkeit mangelt es vielen Leisen zwar nicht, weil sie gar nicht das Bedürfnis danach verspüren. Doch das Bedürfnis nach Anerkennung haben auch sie, haben wir alle.

Und die fehlt uns Leisen häufig. Wenn wir im Schulunterricht, im Assessment Center oder in der Abteilung nicht dafür anerkannt werden, wer wir sind und was wir leisten. Weil wir es nicht rausbrüllen, sondern mit Bedacht mitteilen. Weil wir uns zurückziehen, um über Lösungen nachzudenken. Und dann untergehen zwischen denen, die ihr Ergebnis schneller und lauter präsentieren.

Als Jugendliche – als ich mich selbst nicht leiden konnte und das Wichtigste war, dazuzugehören – hatte ich sehr damit zu kämpfen, „irgendwie anders“ zu sein. Denn wenn nur die Lauten überall präsent sind, fühlt man sich als Leise so anders und damit falsch. Man denkt, man müsse laut sein, um „richtig“ zu sein. Und ja unbedingt „richtig“ sein, um dazuzugehören. Ich wusste nicht um die Persönlichkeitsmerkmale Intro- und Extraversion und Hochsensibilität. Ich wusste nicht, dass es vielen so ging und es okay war. Alles, was ich wusste, war, dass ich mich anpassen musste, um ein Teil der Gesellschaft zu sein.

wir brauchen unseren mut für anderes

Im Umkehrschluss brauchte ich also eine Menge Mut, leise und damit so zu sein wie ich bin. Denn es birgt das Risiko, anzuecken, kritisiert und nicht akzeptiert zu werden. Das zu erkennen stimmt mich immer etwas traurig. Ist es nicht verrückt, dass es mich Mut kostet, ich selbst zu sein? Und ich weiß, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht. Es sollte nie und nirgends so sein, dass Menschen mutig sein müssen, um sie selbst zu sein.

Natürlich ist Mut etwas tolles. Häufig hätte ich gerne etwas mehr davon. Wenn ich ihn suche, finde ich ihn meist ganz hinten in einer Ecke tief in Sicherheit und Komfortzone gewickelt. Aber wenn ich ihn gefunden habe, möchte ich ihn viel lieber dafür nutzen, mir ein selbstbestimmtes und wundervolles Leben zu erschaffen. Und nicht dafür, um in diese Muffinform der Gesellschaft zu passen. Denn im Grunde fühlt, denkt und tut niemand von uns immer und ausschließlich das, was den Idealen dieser Gesellschaft entspricht. Wir alle fallen aus der Form, wir alle quellen an der ein oder anderen Stelle heraus. Und wir alle sind so unglaublich schön dabei.

Inzwischen weiß ich das. Und ich weiß, dass ich leise sein darf. Dass das viele Stärken mit sich bringt und ich so wie ich bin dazugehöre. Doch ich würde lügen, würde ich behaupten, immer vollkommen leicht und unbeschwert ich selbst sein zu können und dafür keinen Mut mehr zu brauchen. Ich muss mich immer noch hin und wieder dafür rechtfertigen, leise zu sein und Ruhe zu brauchen.

Und solange das so ist, werde ich weiter darüber schreiben.

Bild: UNSPLASH