Eine Kurzgeschichte: Du, ich und alles, was ich lernen durfte

Du und ich. Wir zwei sind eine kurze Geschichte. Die ganz schön lange gedauert hat. Wenig Inhalt für so viel Zeit und deshalb schnell erzählt. Der Einstieg etwas unbeholfen aber schön, dann ein paar Absätze voller unerwiderter Gefühle und Drama, gefolgt von einer Pause, ein paar Zeilen voll von freier Leidenschaft und schlussendlich einem abrupten Ende. Doch für mich und mein Leben waren wir mehr als das. Da waren wir vielleicht einer der lehrreichsten Meilensteine überhaupt.

Also von vorne

Ich sehe dich vor mir in deinem Parka und deinen schicken Stiefeln, glatt rasiert, schlank und jung. Nachdem wir vor unterschiedlichen Bars aufeinander gewartet haben. Ich bin ein bisschen nervös, weil du so schön bist. Wir unterhalten uns lange, aber schwimmen schon damals nicht auf der gleichen Wellenlänge. Du trinkst Cola und ich Caipi. Du erzählst von deinen Karriereplänen und Erlebnissen in den Schickimicki-Clubs der Stadt und ich von meinen idealistischen Träumen und Schreibereien. Doch irgendetwas in mir weiß schon damals, dass mir unter dem Parka ein unsicherer kleiner Junge mit weichem, verletzlichem Kern gegenüber sitzt. Und dass du in Wahrheit nichts trinkst, um mich dann nach Hause fahren zu können.

Bei mir angekommen, frage ich dich – mutig vom Alkohol und irgendwie aufgeputscht von deinem Blick -, ob du noch mit rein kommen willst. Du stellst den Motor aus und grinst. Genauso wie später, als ich in deinen Armen liege. Und das ist der Moment. Der Moment, in dem mein Herz hüpft und ansagt, dass ich bereits gefallen bin. Weil sich jetzt und hier der Junge in dir zeigt. Weil du mit deinem Parka und deinem Hemd auch deine Abgeklärtheit, Oberflächlichkeit und diesen Hauch von Arroganz abgelegt hast. Weil du hier in meinem Bett nicht möglichst cool wirken willst, sondern losgelöst und ohne Absicht grinst. Weil du jetzt erst du bist. Als du irgendwann aufstehst, um dich wieder anzuziehen und zu gehen, bin ich dir nicht böse. Viel eher fühle ich mich so beflügelt, so leicht und so verdammt verwegen wie lange nicht.

Die Rosarote Brille

Zu diesem Zeitpunkt bin ich der Überzeugung, dass Sex beim ersten Date das schlechteste Omen überhaupt für etwas mit Zukunft ist. Dabei ist alles, was ich will, etwas Romantisches mit Zukunft und jemandem, der mich auf Händen trägt. Nachdem ich eine lange Zeit mit jemandem verbrachte, der mich stattdessen mehrmals fallen ließ. Ich gehe also davon aus, einen Fehler gemacht zu haben, während ich gleichzeitig höher als auf Wolke 1000 schwebe, und beschließe aus diesem Konflikt heraus, etwas ohne Gefühle mit dir anzufangen. Und begehe mit 1001 Gefühlen im Bauch den nächsten Fehler. Anstatt mir selbst so viel wert zu sein, mich vor dem nächsten Fall selbst zu beschützen, trage ich stolz die rosarote Brille – nackt im Bett mit dir.

Überhaupt passen rosarote Brillen sowieso viel besser zum Sommerkleid beim gemeinsamen sonntäglichen Spaziergang mit Händchenhalten als zu nackter, verschwitzter Haut zwischen Laken.

Weil ich das noch nicht weiß, steuere ich volle Kraft voraus auf den nächsten Fall zu. Natürlich vollkommen durchschaubar mit dem Gedanken, dich vielleicht noch umstimmen zu können. Denn du willst absolut nichts Festes und bist dabei leider ziemlich fair, du erklärst es mir und bist konsequent. Also verpasse ich mir selbst den ein oder anderen Stoß in den Bauch, als ich dich im Club mit einer anderen rummachen sehe oder stundenlang auf deine Nachricht warte, die nicht kommt. Um die Wunden zu heilen, hole ich dich mitten in der Nacht betrunken vom Feiern ab oder fahre nach einem super anstrengenden Tag nur für ein paar wenige Stunden und eine Portion Berührung und Zuneigung zu dir. Denn ich bin mir nicht gut genug, um mir diese Anerkennung selbst zu schenken.

Crash.

Du kommst zu mir. Ich kippe vorher drei Shots, um mir mal wieder Mut anzutrinken. Aber diesmal, um dir zu sagen, dass ich nach wie vor die rosarote Brille trage und deshalb so nicht weitermachen kann. Denn ich habe irgendwo doch noch ein Fünkchen Achtung vor mir selbst gefunden. Doch bevor sich der Alkohol bemerkbar machen und ich zu Wort kommen kann, liege ich ein weiteres Mal unter dir. Ein paar Tage später schreibe ich dir feige alles in einer Nachricht auf WhatsApp und du sagst, dass es dann wohl besser sei, wenn wir das beendeten. Ich weine, ich schreie, ich schreibe. Weil Schreiben schon immer das ist, was meinen Gedankenklumpen im Kopf erleichtert und den Schmerz im Herz zumindest ein bisschen lindert.

Aber aus einem klaren Cut wird eine On-Off-Geschichte, die noch nicht einmal diesen Namen verdient, weil ja niemals etwas on war zwischen uns. Während der zwei Jahre, in denen du und ich immer wieder zueinanderfinden, gibt es durchaus auch andere Männer. Und bei dir ohnehin andere Frauen. Doch um ganz ehrlich zu sein, komme ich nie so richtig von dir los, bis ich schließlich einen Mann kennenlerne, der mich vom einen auf den anderen Tag vollkommen in seinen Bann zieht. Und zwar mehr und ganzheitlicher als du es je getan hast.

nochmal, aber anders

Nach zwei Jahren ist Schluss. Und ganz still und leise schleichst du dich wieder in mein Leben. Aber dieses Mal auf eine andere Art und Weise. Du hilfst mir über den Trennungsschmerz hinweg und ich finde den Spaß an leidenschaftlichem Sex ohne Gefühle und Bindung, den ich immer wollte. Dass der Grund dafür sein könnte, dass mein Herz mich nach dem großen Schmerz vor Gefühlen jeder Art beschützen möchte, ist mir egal. Denn es ist verdammt gut. Weil wir uns so gut kennen, probieren wir all das miteinander aus, das wir uns bei neuen (Sex-)Partnern nicht zu äußern trauen.

Und mit dem nötigen Abstand erkenne ich nun auch selbst, dass wir nie für etwas anderes gedacht waren. Wir sind immer noch die, die sich damals nervös in der Bar gegenüber saßen, nur mit noch ein bisschen mehr Lebenserfahrung und damit noch unterschiedlicheren Einstellungen. Ich die Feministin, du der sexistische Sprücheklopfer, dessen Kern ich jedoch nach wie vor als gutherzig und sensibel einschätze. Aus uns konnte und kann niemals das werden, was ich mir damals durch die rosarote Brille ausmalte. Und das ist vollkommen okay so.

Gehen oder bleiben?

Irgendwann allerdings wirst du unfreundlich. Weil wir das sind, was wir sind, und das noch nicht einmal in eine Schublade passt, scheinst du den Respekt vor mir verloren zu haben. Du behandelst mich wie jemanden, der oder die dir vollkommen egal und noch egaler als das ist. Und seien wir ehrlich: Egal wollen wir nicht einmal dem- oder derjenigen sein, der oder die eine Nacht mit uns im Bett verbringt. Denn Egalsein erfüllt nicht unser Bedürfnis nach Anerkennung, das wir unweigerlich alle in uns tragen. Und Respekt ist sowieso das, was im Umgang miteinander – und zwar jeglicher Form – immer gegeben sein sollte. Also beginne ich mich unwohl zu fühlen. Und stehe damit vor derselben Entscheidung wie vor ein paar Jahren: gehen oder bleiben?

An dieser Stelle der Geschichte steht nun alles, was man von mir halten könnte, endgültig auf der Kippe. Es ist nicht so, dass ich stolz bin auf den Weg bis hierher. Auf diese Geschichte, in der ich immer wieder eine Abzweigung nahm, die eine Frau, die sich selbst akzeptiert, liebt und etwas wert ist, nicht nehmen würde. Trotzdem beschreibe ich all das so offen und ehrlich – aus einem Grund: Es ist ein Weg. Mein Weg. Und auf diesem Weg bin ich gestolpert, habe ich falsche Abzweigungen gewählt und bin in diverse Löcher gefallen, aus denen mein Herz ein paar Kratzer davon getragen hat. UND: Ich bin an all dem gewachsen und habe gelernt, was das Zeug hält. Diese Selbstliebe, von der alle sprechen, ist nicht wie ein Glückscent auf dem Gehsteig plötzlich einfach da und gehört mir dann. Sie wächst langsam aber stetig, nährt sich aus Fehlern und Entscheidungen und braucht dabei meine Geduld und Fürsorge. Und deshalb schaue ich zurück und akzeptiere meinen Weg, meine Entscheidungen und damit mich selbst.

Und entscheide mich, zu gehen.

Wir beide waren und sind eine schnell erzählte Kurzgeschichte, die nun ihr Ende gefunden hat. Drama, Leidenschaft und Verlangen wollen dem Inhalt zwar Tiefe verleihen, doch letztendlich war nichts von uns jemals ansatzweise tief. Wir bewegten uns auf unseren unterschiedlichen Wellenlängen immer eher an der Wasseroberfläche – du trautest dich nicht in die Tiefe und ich traute mich nicht, einfach auszusteigen. Bis ich irgendwann den Mut fand, es tat und letztendlich erkannte, dass wir mit unserer Kurzgeschichte ein Teil sind, der zu mir und meiner eigenen Geschichte dazugehört und immer dazugehören sollte. Und das ist gut so.

 

Wie ich meinen Rucksack voller Vorwürfe ausmistete

Möglicherweise weißt du es nicht, vielleicht bist du dir dessen gar nicht bewusst, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass auch du jede Menge Vorwürfe gegen dich selbst mit dir herumträgst. Warum ich das glaube? Weil wir das alle tun. Und zwar kommen wir alle mit einem kleinen Rucksack auf die Welt. Bei unserer Geburt ist er winzig klein, kaum zu sehen, beinahe unsichtbar und leer. Doch im Laufe unseres Lebens füllen wir ihn. Mit Erlebnissen und Erfahrungen, mit Überzeugungen und Träumen, von denen viele häufig gar nicht unsere eigenen sind. Denn als junge Menschen saugen wir alles um uns herum auf und besonders das, was unsere Eltern und Vorbilder uns erzählen. Und wir füllen ihn mit Vorwürfen, gegen andere und uns selbst.

An sich ist dieser Rucksack wundervoll, weil wir in ihm unsere Erinnerungen transportieren und immer wieder herausholen können. Und weil wir auf all die Erfahrungen, negativ und positiv, zurückgreifen und dadurch lernen und wachsen können. Das ist toll. Aber leider wiegen gerade und vor allem die negativen Überzeugungen und Vorwürfe, die uns nicht nutzen sondern bremsen, besonders schwer. Das sind Sätze wie „Das kann ich nicht“, „Ich bin nicht schön genug“ oder „Ich bin viel zu faul und zu undiszipliniert“. Sätze, die so schwer auf unseren Schultern wiegen, dass sie uns am Tanzen hindern, uns Energie rauben und uns in die Knie zwingen und damit klein halten. Sie sind es, die uns innerlich blockieren und davon abhalten, unsere Träume zu verwirklichen und das Leben zu leben, das wir uns heimlich wünschen.

Na, weißt du jetzt, wovon ich spreche, und stimmst mir zu, dass auch du das kennst?

Es ist an der zeit, auszumisten

Weil ich mir dieses Rucksacks schon einige Zeit bewusst bin, stellte sich mir die Frage, wie ich diesen ganzen schweren Kram loswerden und Platz schaffen konnte für die Überzeugungen, die mich weiterbringen, und die Träume, die mich wirklich glücklich machen. Also kramte ich in der Kiste guter Ratschläge, die sich ebenfalls über die Jahre mit mal mehr, mal weniger Hilfreichem gefüllt hatte, und stieß auf den Satz: Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Und der passt ja irgendwie immer.

Also entschied ich mich dazu, mir erst einmal den kompletten Inhalt meines Rucksacks vor die Füße zu kippen und anzuschauen. In Sekundenschnelle war ich von Staub umhüllt und bekam einen riesigen Hustenanfall. Nice. Aber kein Wunder, manches befand sich einfach schon über 20 Jahre darin. Den ein oder anderen Traum konnte ich so wie er war in die Tonne klopfen, weil er seine Haltbarkeit bei weitem überschritten hatte. Ja, und dann stand ich da vor einem Berg voller negativer Überzeugungen über mich und das Leben, Vorwürfen gegen mich selbst und auch gegen andere, die ich jahrelang mit mir herumgetragen hatte, mir jedoch nie bewusst darüber gewesen war. Jetzt war die Zeit gekommen, mir alles einzeln und ganz genau anzusehen, um mir endlich bewusst zu werden. Denn Erkenntnis = Bewusstsein.

Was ich erkannte

Da waren Sätze dabei wie „Ich bin nicht gut genug“, „Ich bin zu faul“ oder „Ich muss das alleine schaffen“. Was ich beim Aussortieren auch lernte: Jeder dieser Sätze basierte auf Erfahrungen, die mich so nachhaltig geprägt hatten, dass sich Überzeugungen daraus geformt hatten. Überzeugungen, die mich wiederum davon abgehalten hatten, dieselben, meist auf irgendeine Weise schmerzhaften Erfahrungen noch einmal zu machen, und somit als Schutzschild gedient hatten. Ich konnte ihnen also noch nicht einmal richtig böse sein. Und trotzdem wusste ich ja, wie und wovon sie mich die vergangenen Jahre davon abgehalten hatten. 

Nachdem ich alle Glaubenssätze und Überzeugungen vor mir mal umgedreht und hin- und hergeschoben hatte, sortierte ich aus. Das war nicht schwer. Schließlich erkannte ich, wie sie da so vor mir lagen, sehr schnell, welche mich weiterbrachten und welche nicht. Ich machte zwei Stapel. Doch der schwierige Part wartete ja noch auf mich: das Entsorgen und Loslassen des „schlechten“ Stapels. So sehr ich es versuchte, ich schaffte es nicht. Ich ließ Zeit vergehen und füllte meinen Rucksack währenddessen mit neuen, kraftvollen Sätzen. Ich übte sie jeden Tag ein, doch der Stapel im Eck schlich sich immer wieder in meine Gedanken und versuchte dort, wieder und wieder Negatives unterzumischen.

Ein kleiner, feiner Trick

Irgendwann hatte ich genug. Das ein oder andere Projekt hatte ich inzwischen sausen lassen, weil der Stapel im Eck einfach zu laut wurde. Und vor allem die alten Vorwürfe, dass ich zu faul sei, zu leise, zu schlecht, zu dies und zu das, machten so Radau in meinem Kopf, dass ich nicht mal mehr schlafen konnte. Also knipste ich meine Nachttischlampe an, schnappte mir mein Notizbuch und schrieb. Und zwar eine Liste aus allen Vorwürfen, aber als Tatsachen formuliert. Zum Beispiel „Ich bin lieber alleine als unter vielen Menschen.“ oder „Ich schiebe Bürokratiekram vor mir her, weil ich Angst habe, etwas falsch zu machen.“ Das schmerzte. Und wie. Denn so wollte ich nicht sein, deshalb warf ich es mir ja tagtäglich vor. Es waren Eigenschaften und Verhaltensmuster, die ich ablehnte. Und jetzt standen sie da aufgelistet auf dem Papier vor mir.

Doch dann kam mir eine Idee. Ich trickste mich selbst aus und nannte die Liste „Was an mir okay ist“. Vielleicht ahnst du, welchen Effekt diese fünf Worte auf mich hatten. Es war verrückt, fast magisch. Diese Überschrift sortierte alles, was folgte, einfach in eine andere Schublade ein. Und zwar in die mit den Dingen, die okay sind an mir. Die ich zwar vielleicht (noch) nicht umarmen und lieben, aber zumindest akzeptieren kann. Schwupsdiwups war all dem der Schmerz und das Gewicht genommen. Ich fühlte mich irgendwie leicht und befreit, knipste das Licht aus und schlief so gut wie lange nicht.

Natürlich waren das lediglich die ersten, kleinen Schritte auf meinem Weg weg von den verpassten Chancen hin zur Verwirklichung meiner Herzenswünsche. Aber zumindest konnte ich den Weg von da an mit etwas leichterem Gepäck bestreiten. Falls also auch du mal keinen Bock mehr auf diese Last auf deinen Schultern hast, dir aber mit dem Loslassen schwertust, lege ich dir ans Herz, dich einfach mal selbst auszutricksen. Ja, vermutlich ist auch dein Gehirn so einfach gestrickt – zum Glück, denn so kannst du dich endlich mit leichterem Gepäck auf den Weg machen!

Bildquelle: Unsplash

Vom Stillsein und anderen mutigen Sachen

Auf das Fensterbrett fallen Tropfen, die vorher am Fensterglas entlanggeflossen sind. Ich schaue ihnen zu und die Gedanken in meinem Kopf fließen ähnlich langsam aber stet. Ansonsten ist es still. Und die Stille auch gleichzeitig das, was mich am meisten beschäftigt. Denn mit meiner eigenen Stille konnte ich lange nicht umgehen. Ich lehnte mich selbst dafür ab, leise zu sein. Dabei ist Leisesein mein natürlichster Zustand.

Ich bin leise, wenn jemand spricht. Ich höre lieber zu als selbst zu erzählen. Ich bin auch leise, wenn niemand spricht und kann Stille gut aushalten. Ich denke viel im Stillen, spreche aber nicht alles laut aus. Im Stress bleibe ich leise. Ich brauche viel Ruhe und dafür nur mich selbst. Um Energie zu tanken, bevorzuge ich Stille anstatt Gesellschaft. Ich liebe Plätze in der Natur, an denen die lautesten Geräusche wehende Blätter, plätscherndes Wasser und Vögel sind. Und wenn ich von all dem genügend habe und all das sein darf, dann kann ich auch wieder die Musik aufdrehen und mich in die Lärmkulisse der Stadt werfen.

Leise und damit falsch

Gespürt habe ich das schon immer. Aber so richtig anerkennen und vor allem akzeptieren wollte ich es nie. Weil unsere Gesellschaft nach den Lauten fragt. Die Lauten bekommen die Jobs, werden im Fernsehen gezeigt und dienen als Vorbilder. Sie bekommen die volle Aufmerksamkeit. An Aufmerksamkeit mangelt es vielen Leisen zwar nicht, weil sie gar nicht das Bedürfnis danach verspüren. Doch das Bedürfnis nach Anerkennung haben auch sie, haben wir alle.

Und die fehlt uns Leisen häufig. Wenn wir im Schulunterricht, im Assessment Center oder in der Abteilung nicht dafür anerkannt werden, wer wir sind und was wir leisten. Weil wir es nicht rausbrüllen, sondern mit Bedacht mitteilen. Weil wir uns zurückziehen, um über Lösungen nachzudenken. Und dann untergehen zwischen denen, die ihr Ergebnis schneller und lauter präsentieren.

Als Jugendliche – als ich mich selbst nicht leiden konnte und das Wichtigste war, dazuzugehören – hatte ich sehr damit zu kämpfen, „irgendwie anders“ zu sein. Denn wenn nur die Lauten überall präsent sind, fühlt man sich als Leise so anders und damit falsch. Man denkt, man müsse laut sein, um „richtig“ zu sein. Und ja unbedingt „richtig“ sein, um dazuzugehören. Ich wusste nicht um die Persönlichkeitsmerkmale Intro- und Extraversion und Hochsensibilität. Ich wusste nicht, dass es vielen so ging und es okay war. Alles, was ich wusste, war, dass ich mich anpassen musste, um ein Teil der Gesellschaft zu sein.

wir brauchen unseren mut für anderes

Im Umkehrschluss brauchte ich also eine Menge Mut, leise und damit so zu sein wie ich bin. Denn es birgt das Risiko, anzuecken, kritisiert und nicht akzeptiert zu werden. Das zu erkennen stimmt mich immer etwas traurig. Ist es nicht verrückt, dass es mich Mut kostet, ich selbst zu sein? Und ich weiß, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht. Es sollte nie und nirgends so sein, dass Menschen mutig sein müssen, um sie selbst zu sein.

Natürlich ist Mut etwas tolles. Häufig hätte ich gerne etwas mehr davon. Wenn ich ihn suche, finde ich ihn meist ganz hinten in einer Ecke tief in Sicherheit und Komfortzone gewickelt. Aber wenn ich ihn gefunden habe, möchte ich ihn viel lieber dafür nutzen, mir ein selbstbestimmtes und wundervolles Leben zu erschaffen. Und nicht dafür, um in diese Muffinform der Gesellschaft zu passen. Denn im Grunde fühlt, denkt und tut niemand von uns immer und ausschließlich das, was den Idealen dieser Gesellschaft entspricht. Wir alle fallen aus der Form, wir alle quellen an der ein oder anderen Stelle heraus. Und wir alle sind so unglaublich schön dabei.

Inzwischen weiß ich das. Und ich weiß, dass ich leise sein darf. Dass das viele Stärken mit sich bringt und ich so wie ich bin dazugehöre. Doch ich würde lügen, würde ich behaupten, immer vollkommen leicht und unbeschwert ich selbst sein zu können und dafür keinen Mut mehr zu brauchen. Ich muss mich immer noch hin und wieder dafür rechtfertigen, leise zu sein und Ruhe zu brauchen.

Und solange das so ist, werde ich weiter darüber schreiben.

Foto: UNSPLASH

Ein Platz für mich

Mit dieser Webseite richte ich mir einen offiziellen Platz für mich selbst ein. Um das zu zeigen, was man über mich wissen sollte oder könnte. Für den Fall, dass man mich kennenlernen will – als Mensch oder als Journalistin. Aber es ist nicht nur ein Platz im World Wide Web und in der Branche, in der ich langsam aber sicher Fuß vor Fuß setze. Es ist auch ein Platz in dieser Welt im übertragenen Sinn.

Denn damit gehe ich mit dem nach draußen, wer ich bin und was ich machen will. Es ist das eine, zu träumen. Aber es ist das andere, dafür loszugehen. Zwischen einen Traum und seine Verwirklichung stellen sich gerne mal Ängste, von deren Existenz man vorher nicht einmal wusste, Selbstzweifel und entmutigende Stimmen aus dem eigenen Kopf und den Mündern anderer. Schließlich hat man es doch überhaupt gar nicht verdient, wenn man mal ganz ehrlich ist. Und andere haben schließlich auch Träume, die so utopisch wie die eigenen sind und auch nie verwirklicht werden können. Wieso dann ausgerechnet der eigene? Schließlich ist man noch dazu überhaupt nicht qualifiziert und abgesichert genug. Von gut genug ganz zu schweigen. Und so gesellt sich ein Argument nach dem anderen zu all den Stimmen, die vehement von der Verwirklichung dieses nun wirklich höchst sinnlosen Traumes abraten.

ein traum bleibt

Diese Stimmen, Argumente und Ängste sind mir durchaus vertraut, wir kennen uns gut. Und sicher habe ich die ein oder andere verrückte Idee ihretwegen über Bord geworfen. Oder zumindest gut in Kisten verpackt und aufgeschoben. Doch ein Traum wollte sich weder wegwerfen noch verpacken und aufschieben lassen. Der war und ist hartnäckig und laut – schon immer. Vielleicht nicht lauter als Ängste und Zweifel, aber immer gleich auf und immer beständig und so mitreißend, dass ich keine Chance habe, ihn zu verdrängen. Und das ist der Traum, für dessen Verwirklichung ich nun einen großen Schritt vorangehe. Der Traum lautet: als freie Journalistin leben und arbeiten. Und der große Schritt bedeutet: (m)einen Platz einnehmen und mich zeigen.

ausschlaggebend ist die motivation

Im Lauf meines bisherigen, zugegebenermaßen immer noch jungen Lebens durfte ich lernen, dass die Motivation, die Idee, der Wunsch hinter dem Traum ausschlaggebend dafür ist, wie hartnäckig und laut er ist. Und wenn die Motivation etwas damit zu tun, das Leben anderer zu bereichern und gleichzeitig das eigene Leben und Lebensgefühl positiv zu verändern, hat der Traum großes Potenzial, trotz aller Ängste und Zweifel bis zur Verwirklichung zu überleben.

So auch dieser Traum. Meine Motivation? Ich will Menschen mit meinen geschriebenen Worten bestärken, berühren und zum Nachdenken anregen. Und Menschen, deren Stimmen leiser sind und nicht gehört werden, in meinen Texten Gehör verschaffen und ebenfalls zu einem eigenen Platz verhelfen. Und mir selbst ermögliche ich, jeden Tag meine größte Leidenschaft zu leben und damit meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Man könnte von einer Win-Win-Situation sprechen.

der mut, es trotzdem zu tun

Meine Motivation hat meine Ängste und Zweifel nicht komplett verdrängt. Die wollen mir nach wie vor verklickern, dass der Gewinn lange nicht so schwer wiegt wie all die Risiken, die mich auf diesem Weg erwarten. Aber sie hat mich dazu gebracht, trotzdem loszugehen und in meinem eigenen Tempo einen Schritt nach dem anderen zu wagen. Meine Motivation macht mich mutig und gibt mir den Anschub, den ich brauche.

Denn Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, Angst zu haben und es trotzdem zu tun.

Also wage ich den nächsten Schritt und nehme diesen Platz ein. Und mit dieser Webseite mache ich ihn auch für alle anderen sichtbar. Für dich. Ich zeige dir, wer ich bin und was ich mache. Ich erzähle dir von der Arbeit, mit der ich Menschen auf anderen Plattformen erreiche, und ich erzähle dir von der Arbeit an mir selbst. Von Träumen, Ängsten, Zweifeln – von all den Gedanken und Gefühlen, die mich durchströmen, und von denen ich glaube, dass du sie auch kennst. Und vielleicht erfüllt sich damit mein Wunsch, dich zu bestärken, zu berühren und zum Nachdenken anzuregen.