schwarz weiß

Mit dem Refrain von „Fix you“ im Kopf stehe ich in der Küche und koche mir die fünfte Tasse Tee. Ich summe die Melodie und denke, dass mich niemand fixen kann. Auf dem Schild am Teebeutel steht irgendetwas von Gelassenheit. Nichts fühlt sich weiter weg an. Als das heiße Wasser in der Tasse ist, schickt es tanzende Rauchzeichen in die Luft. Im Licht meiner Schreibtischlampe zeigen sie sich besonders deutlich. Ich stelle die große rosafarbene Tasse, die ich damals in Paris gekauft habe, auf den Stapel Bücher und setze mich. Paris. Die Umgebung verschwimmt vor meinen Augen und alles, was ich sehe, ist er, im Hintergrund die Seine.

Während meiner Menstruation scheint meine Haut besonders großporig und durchlässig. Als wäre ich viel offener, offen für jedes Gefühl. Empfänglich für alles und komplett ohne Schutz oder Barriere. Als könnte einfach alles von außen nach innen strömen, durch mich hindurch und von innen nach außen. Und ich nehme alles davon wahr, noch intensiver als sonst. Jede Nachricht, jedes Zeichen, jede Geste, jede Stimmung, jedes Gefühl. Auch Musik macht noch mehr mit mir. Filme, Serien, geschriebene Zeilen. Alles strömt rein und raus ohne Halt, ohne Kontrolle, und löst etwas aus.

Ich bereue, dass ich die Bilder von damals alle gelöscht habe. Sie existieren lediglich in meinem Kopf. In schwarz-weiß sitzt er rauchend am Fenster unseres Pariser Apartments. Das größte Klischee erfüllt und dabei den damals für mich schönsten Mann eingefangen. Das sind die schönen Erinnerungen. Aber es gibt auch andere. Und ich fühle Schwere in der Brust. Meine Augen brennen. Es schmerzt. Wieso schmerzt es immer noch?

Jetzt, wo alles nur so strömt und fließt und intensiv ist, merke ich, dass der Schmerz nach wie vor da ist. Er sitzt tief und hat sich nicht einfach mit der Zeit aufgelöst. Nein, gut verstaut trage ich ihn mit mir herum. Im Alltag spüre ich ihn nicht. „Da bin ich lange drüber weg.“ Aber an Tagen wie diesen, da macht er sich bemerkbar. Und erzählt mir, dass mich niemand fixen kann. Und dass er der Grund dafür ist, dass ich mich auf nichts mehr einlassen möchte. Dass es vielleicht nicht immer der Wahrheit entspricht, dass ich aus dem Grund keine Beziehung möchte, weil ich vollkommen zufrieden mit mir alleine bin. Vielleicht sei das nicht immer der wahre Grund, sondern eigentlich er, erzählt mir der Schmerz.

Die Rauchzeichen sind verschwunden, der Tee ist abgekühlt. In Wahrheit ist nichts schwarz und oder weiß. Nichts ist so leicht zu definieren, zu trennen, zu differenzieren. Weder meine Gefühle noch die tiefliegenden Gründe für mein Verhalten noch die Erinnerungen an eine andere Zeit. Nicht einmal Paris. Meinem kontrollsüchtigen Verstand gefällt das nicht. Er will simple Erklärungen und die Wahrheit und meinen Schutz vor Schmerz erzwingen. Aber das geht nicht. Und das ist gut so.

Es ist gut so, dass ich all das fühle und empfinde. Es ist gut so, dass der Schmerz sich zeigt und mit mir spricht. Es ist gut so, dass es strömt und fließt, rein und raus. Es ist gut so, dass sich Erinnerungen im Dampf meines heißen Tees zeigen und ich nicht gelassen sein kann. Es ist gut so, dass nichts schwarz und oder weiß ist.

Ist das nicht in Wahrheit sogar wunderschön? Ist das nicht das Leben?

Radikale Ehrlichkeit

Mein Verschleiß an Notizbüchern ist groß, weil ich nicht nur beruflich schreibe, sondern auch, wenn ich Gedanken und Gefühle nicht geordnet bekomme, mich etwas inspiriert oder ich nach Antworten suche. Es hilft mir jedes Mal dabei, alles, was in mir los ist, besser (be)greifen zu können und neue Erkenntnisse über mich zu sammeln. Manchmal sind es mehrere Seiten auf einmal, manchmal ein einzelner Satz, manchmal ein aufgeschnapptes Zitat, eine nachdrückliche Erinnerung an mich oder Stichpunkte über Träume und Ziele.

So füllen sich Zeilen, Seiten und ganze Bücher – man macht also nie einen Fehler damit, mir ein Notizbuch zu schenken.

Aber mir ist etwas aufgefallen. So sehr ich mich auch darin übe, beim Notieren meiner Gedanken jegliche Anforderungen an Sprache und Textqualität zu ignorieren, damit ich mich nicht daran aufhalte – ich will jeden Text mit einem positiven Gedanken beenden. Klar, das Buch mit einem positiven Gefühl zuzuklappen ist erst einmal nichts Schlechtes, im Gegenteil. Es tut gut, mit einem versöhnlichen Gedanken in den Tag zu gehen. Und trotzdem ist das nicht, was ich bezwecke. Meine Intention ist, meine Gedanken und Gefühle genau so aufzuschreiben, wie sie in mir vorherrschen – so hässlich und unangenehm sie auch sein mögen -, um sie reflektieren und dann ggf. etwas verändern zu können. Ich schreibe, um mir klar zu werden. Und dafür ist es notwendig, unbeschönigt ehrlich mit mir zu sein.

schön verpackt statt schnörkellos

Doch das fällt mir generell nicht immer leicht. So absolut und schonungslos ehrlich zu mir zu sein und mir meine echten Gefühle, meine wahren Gedanken, mein tatsächliches Verhalten und meine eigentlichen Bedürfnisse ganz genau anzuschauen – das ist mitunter unangenehm und schmerzhaft. Und wir Menschen sind häufig wahnsinnig gut im Vermeiden und Ignorieren, was Schmerzen betrifft. Wir finden jede Menge Ablenkung im Außen, um nicht nach innen schauen zu müssen. Den Schmerz einmal gefühlt, vermeiden wir (verständlicherweise) tunlichst, dort wieder hinzugehen. All das passiert meist unterbewusst. Mir ist es jedoch beim Lesen meiner letzten Notizen bewusst geworden. Auf dem Papier, zwischen meinen Worten, wurde nicht zu 100% wiedergegeben, was ich dachte und fühlte. Anstatt direkt und schnörkellos festzuhalten, welche Ängste und Zweifel mich gerade wirklich beherrschten, verpackte ich positive Gedanken in ein stilvolles und möglichst angenehmes Wortgewand. Ich übersprang die unangenehmen Emotionen und ging direkt dazu über, mich zu trösten. Verdrängung vom feinsten sozusagen.

Inzwischen weiß ich, dass ich mit dieser Taktik nicht weit komme. In meiner schwarzen Wolke aus unangenehmen Gefühlen zeigen mir Verdrängung und Beschönigung nämlich nicht den wahren Weg hinaus, sondern den Weg, der nur so tut als ob und mich in Wahrheit noch tiefer hinein leitet. Alles, was verdrängt wird, kommt wieder – solange, bis es angeschaut und gefühlt und angenommen wird. So ist es mit jedem Schmerz, jeder Angst, jedem Zweifel. Fürs Loslassen (und den Schritt hinaus aus der Wolke hinein in den blauen Himmel), wonach wir uns alle so sehr sehnen, ist also das Gegenteil von Verdrängung der Schritt hinaus, nämlich die Annahme. Und zur Annahme gehört für mich die radikale Ehrlichkeit mit mir selbst. Ohne gehts nicht.

aus schwarz wird weiß

Was mir in diesem Zusammenhang noch aufgefallen ist: Ich kann nur ehrlich mit anderen sein, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin. In der Theorie wusste ich das schon vorher, aber wirklich wahrgenommen und gespürt habe ich es erst jetzt. Denn nachdem ich in mein Notizbuch schwarz auf weiß geschrieben hatte, welche miesen Gedanken und irrationalen Ängste mich in der schwarzen Wolke zu halten versuchen, hatte ich Worte dafür. Ich konnte es greifen und anschauen, wenn auch noch nicht vollkommen annehmen. Aber ich hatte Worte, um es anderen zu kommunizieren. Das bedeutete zunächst jedoch nicht, dass ich das tatsächlich auch konnte. Denn nachdem es mir schon so schwer gefallen war, mir selbst gegenüber ehrlich zu sein, war die Überwindung, es anderen gegenüber zu sein, eine noch größere. Es könnten schließlich Unverständnis und Verurteilung und dadurch letztendlich weniger Liebe auf mich warten.

Mich mit radikaler Ehrlichkeit an jemanden zu wenden, kostete mich also jede Menge Mut. Aber es lohnte sich und machte mich um eine positive Erfahrung reicher, die mir wiederum Kraft für eine nächste Situation wie diese verlieh. Das Gespräch mit einem Menschen, dem ich vertraute, nahm der schwarzen Wolke ihre Schwere und färbte sie weiß. In dieser weißen Wolke fühlte ich mich zum einen nicht mehr so ohnmächtig, denn ich konnte die Richtung erkennen, in der es hinausging, und zum anderen nicht mehr alleine. Dieses ehrliche Gespräch befreite mich und zeigte mir (dank des Verständnisses meines Gegenübers), dass jedes Gefühl okay ist und da sein darf, ich mich nicht schämen brauche, weil jeder Mensch Ängste hat, wenn auch sehr individuelle, und es immer einen Weg hinaus gibt.

Mir selbst gegenüber radikal ehrlich zu sein ist nicht nur hilfreich, sondern unumgänglich, wenn ich mal wieder unbemerkt in eine schwarze Wolke geraten bin und wieder raus will. Ohne Euphemismen und vorweggenommenes Happy End in meinen Texten. Ich muss mir selbst die Fragen beantworten, was ich wirklich fühle, wovor ich Angst habe, woran ich zweifle, wovor ich wegrenne, was ich über mich denke, was ich gerade will und was nicht. Und ich muss die Antworten auf dem Papier aushalten lernen. Ich muss sie annehmen lernen und kann sie dann mit jemandem teilen, um ihnen die Schwere zu nehmen und Wege zu finden. Ich will nicht mehr schön verpacken, um mich selbst zu schonen und letztendlich stecken zu bleiben, sondern schnörkellos hinknallen, um rauszufinden.

Die Entscheidung für mich

Ich musste heiß duschen, mir einen Kaffee machen und eine „Cozy Coffee Shop Ambience“ Playlist anmachen, um diesen Text zu schreiben. Beziehungsweise, um überhaupt zu schreiben. Denn neben dem Nachmittagstief übermannte mich auch ein Leck an Motivation, das ich in letzter Zeit öfter spüre. Also dachte ich, wieso nicht genau darüber schreiben?

Aus einem interessanten Gespräch vor ein paar Tagen habe ich mir eine, wie ich glaube, sehr wichtige Anmerkung mitgenommen. Und zwar, dass am Anfang von allem meine Entscheidung steht. Am Anfang jedes Tages, jeder Handlung, jedes Projekts, jeder Veränderung steht meine Entscheidung – für oder gegen die Sache und auch für eine bestimmte Herangehens – und Denkweise. Das klingt erst einmal recht banal und wenig überraschend. Doch die Erkenntnis dahinter war: Meine Entscheidungsfähigkeit ist ein Geschenk, ist Freiheit und die größte Power überhaupt. Eigene, freie Entscheidungen treffen zu können ist Macht. Und zwar Macht im ihrem positivsten Sinn. Jede Minute kann ich neu, selbst und frei entscheiden, was ich tun und wer ich sein will. Ist das nicht krass?

Der Anfang von allem ist meine Entscheidung. Und jede Entscheidung ist Macht.

Eine egoistische entscheidung

Was hat das mit meinem Motivationstief und meiner Trübsalblaserei zu tun? Nun ja, ich weiß, dass mir Routinen und Strukturen guttun, um motiviert und produktiv zu sein. Doch diese Routinen und Strukturen musste ich mir nach einem Monat Urlaub erst einmal wieder aufbauen – wofür mir wiederum Motivation und Disziplin fehlten. Resultat war ein nicht enden wollender Kreislauf aus miesen Gedanken über mich selbst ob meiner Untätigkeit. Hinzu kamen Ängste und Zweifel, die mir einredeten, dass ich es nie zu etwas bringen würde, und mich kleinhielten. Doch all diese Gedanken und Gefühle verursachten natürlich das Gegenteil von dem, was sie bezweckten: nämlich Tage zwischen Bett und Kühlschrank, die ich nicht schreibend, sondern mich selbst bemitleidend und immer tiefer in die Spirale rutschend verbrachte.

Und dann überkam mich – bähm – diese Erkenntnis in einem Gespräch. Diese Erkenntnis, die mich gleichermaßen sanft und bestimmt darauf hinweist, dass ich mich entscheiden darf und auch muss. Und zwar jetzt. Und zwar als allererstes für mich selbst. FÜR MICH. Die Entscheidung für mich ist der erste Schritt hinaus aus der Spirale.

Entscheide ich mich für mich, bin ich mir mit all meinen Bedürfnissen und Wünschen und Träumen wichtiger als alles andere. Und ja, an dieser Stelle ist Egoismus sowas von angemessen. Bin ich mir wichtiger als alles andere, stehe ich morgens auf und gehe den Tag so an, wie es mir guttut. Gehe ich den Tag so an, wie es mir guttut, meditiere ich, esse ich gesund und bewege ich mich ganz selbstverständlich. Nehme ich meine Bedürfnisse und Wünsche und Träume ernst, setze ich mich hin und tue jeden Tag etwas dafür, sie mir zu erfüllen. Entscheide ich mich für mich, zaubere ich Ängste und Zweifel nicht einfach weg, gehe aber trotz ihnen jeden Tag ein Stück weiter. Die Entscheidung für mich ist der Anker, der den Kreislauf zum Stillstand bringt und mich auf dessen Grund zieht, um an den Ursprung und damit wieder zu mir selbst zu finden.

ich erschaffe selbst statt zuzuschauen

Es mag naiv und verklärt klingen. Doch seit dem Gespräch wache ich tatsächlich jeden Morgen auf und denke: Es ist meine Entscheidung. Es ist meine Entscheidung, wie ich in den Tag starte. Es ist meine Entscheidung, welcher der erste Gedanke meines Tages ist. Es ist meine Entscheidung, wovon ich mich heute leiten und wovon ich mich abhalten lasse. Und seitdem ich mich immer wieder daran erinnere, hat sich etwas verändert. Und deshalb habe ich gerade auch für Duschen, Kaffee und diesen Text entschieden, anstatt mich ins Bett zu verziehen. Anstatt in irgendeiner Serie anderen beim Leben zuzuschauen, erschaffe ich lieber mein eigenes Leben – und zwar so, wie ich es will.

Und so eindrücklich, wie mir nahegelegt wurde, dass ich mich als allererstes für mich entscheiden müsse, weil ich anders nicht aus dieser Spirale finden würde, möchte ich es dir jetzt auch nahelegen.

Falls es dir heute noch niemand gesagt hat: ES IST DEINE ENTSCHEIDUNG.

Wut

In mir brodelt es. Nicht temporär, wie in Momenten, in denen jemand was Blödes sagt. Sondern schon länger und stetig. Ich kann es gar nicht richtig beschreiben, dieses Gefühl. Ich glaube, es ist Wut. Aber so, wie ich sie noch nie gespürt habe. Einerseits befeuert sie mich und meine Energie von innen heraus. Und entfacht etwas Unbekanntes in mir, das mich mit unendlicher Kraft vorantreibt. Andererseits beschwert sie mich in meinem Sein und nimmt mir Leichtigkeit. Dieses Gefühl strengt mich an und macht mich so seltsam aufgekratzt und unruhig.

Woher kommt die Wut und was macht mich wütend?

Meine Toleranz für Intoleranz schrumpft seit einiger Zeit. Grundsätzlich sind mein Verständnis und meine Toleranz wirklich groß. Ich kann mich gut in Menschen hineinversetzen und bin immer daran interessiert, ihre Sicht nachzuvollziehen. Aber desto stabiler ich in meiner Weltansicht werde, desto sensibler werde ich gegenüber intoleranten Aussagen. Nicht gegenüber anderen Meinungen und Ansichten, sondern gegenüber Intoleranz und fehlendem Bewusstsein. In solchen Fällen kann ich mir nur noch schwer zurückhalten, etwas zu entgegnen. Ich kann und möchte mich nicht mehr zurückhalten. Weil ich es zu lange getan habe. Weil ich Bewusstsein schaffen will. Und weil ich zu bestimmten, gesellschaftlichen Themen immer engere Beziehungen entwickle. Dadurch wächst das Bedürfnis, sie zu verteidigen und mich für sie einzusetzen. Wie das eben so ist in Beziehungen.

Das sorgt aber eben auch dafür, dass ich eine Grundwut mit mir herumtrage. Und irgendetwas in mir klammert sich an sie und will sie behalten. Vielleicht, weil es an der Zeit ist, zu lernen, wütend zu sein. Denn das habe ich bisher nicht. In meinem Umfeld war man entweder einfach nicht wütend oder cholerisch. Das letzte Mal, dass ich so richtig wütend war und das auch ungebremst gezeigt habe, war in der Pubertät. Doch damals wurde ich darin nicht ernstgenommen. Man wollte mich so nicht ertragen, schickte mich in mein Zimmer, dessen Türe ich natürlich möglichst laut zuknallte, und dort sollte ich bleiben bis ich mich beruhigt hatte. In meiner Beziehung später äußerte sich Wut in Tränen, sodass ich sie mit Traurigkeit verwechselte. Heute weiß ich, dass es nicht gesund ist, nie wütend zu sein. Denn die Wut ist ja da, wird aber zurückgehalten und staut sich deshalb irgendwo an. Es erscheint mir also fast schon logisch, dass sie sich dann früher oder später zeigt. Also jetzt. Und zwar in ihrer vollen Form mit ihrer vollen Kraft und in voller Auswirkung. Was nicht bedeutet, dass ich inzwischen weiß, wie ich mit ihr umgehen kann.

Endlich laut statt leise

Aber Wut wurde nicht nur in meinem Umfeld nicht kultiviert, sondern auch generell gesellschaftlich nicht. Auch in mir ist der Glaube fest verankert, als Frau nicht wütend sein zu dürfen. Und seit ich mir dessen bewusst bin, bin ich auch darüber wütend. Ich soll freundlich sein, höflich, umgänglich, einfach, unkompliziert, angenehm, angepasst? Das würde heute niemand mehr sagen, weil sich oberflächlich alle bewusst darüber sind, dass das nichts als Scheiße ist. Aber eben nur oberflächlich, denn diese Erwartungen an Frauen schwingen in der Tiefe in allem mit. Angefangen bei der Erziehung von weiblich gelesenen Kindern, weitergeführt in der Interpretation der Rolle der Frau bis hin zur Bezeichnung einer wütenden Frau als „zickig“ und eines wütenden Mannes als „durchsetzungsstark“. Und diesen Erwartungen fühlte auch ich mich bis vor kurzem ausgesetzt. Bis ich mir in der Tiefe bewusst darüber wurde. Seitdem spüre ich das dringende Bedürfnis, auszubrechen. Und nicht länger zu akzeptieren, dass ich in meiner Wut nach wie vor nicht ernstgenommen werde.

Und vielleicht ist das der Grund dafür, dass sich jetzt alles in mir aufbäumt und ich dieses Feuer in mir lodern spüre.

Ich habe Lust, zu schreien. Ich habe Lust, herumzutoben. Ich habe Lust, unangepasst und herrlich ehrlich zu sein. Ich habe Lust, so viele Schimpfwörter in einen Satz zu packen wie ich will. Ich habe Lust, zu provozieren und Menschen mit der Wahrheit zu konfrontieren. Ich habe Lust, zu schockieren. Ich habe Lust, das zu tun, worauf ich Lust habe. Und ich habe absolut keine Lust, mich zu beruhigen. Ich habe keine Lust, leise zu sein. Ich habe keine Lust, diejenige zu sein, die für Harmonie sorgt. Ich habe keine Lust, zu lächeln, wenn ich schlecht drauf bin. Ich habe keine Lust, zurückzuhalten, was ich denke und fühle. Ich habe keine Lust, hinzunehmen und zu akzeptieren. Ich habe keine Lust, nur auf die Gefühle anderer zu achten. Ich habe keine Lust, das Feuer in mir zu löschen. Ich habe keine Lust, etwas zu tun, worauf ich keine Lust habe.

Das Paradoxon unserer Gesellschaft

Wie oft ich regungslos da sitze und aus dem Fenster starre. Und wie oft ich dann, anstatt es zu genießen und Glückseligkeit zu spüren, ganze Chöre in meinem Kopf höre, die mir in ohrenbetäubender Lautstärke einzureden versuchen, dass ich dieses Dasitzen und Starren gefälligst lassen soll. Es gibt schließlich so viel zu tun. Und wenn nicht, sollte ich mir schnell etwas zu tun suchen. Ich sollte weder Zeit noch Genuss in meinem Alltag haben, sondern volle To-Do-Listen und Stress. Das ist, wovon ein Leben erfüllt sein sollte. Denn das Dasitzen bezahlt keine Miete. Dasitzen bildet nicht den Grund für Erfolg. Dasitzen steigert nicht den eigenen Wert. Dasitzen zeugt lediglich von Nichtsnutzigkeit.

Es liest sich so absurd. Doch diese Absurdität ist meine, ist unser aller Realität. Wie singt es Danger Dan so schön: „Die schlimmsten Geschichten schreibt das Leben wohl selbst.“ Schwarz-weiß auf dem Papier so lächerlich und in unserem Leben bittere Wahrheit. So bitter, dass ich mich gleichzeitig dagegen zu wehren versuche und mittendrin stecke. In einem Konstrukt, das uns schon früh in unsere kleinen Gehirne injiziert dazu treibt, immer mehr, immer schneller, immer besser leisten zu wollen. Im Grunde ist dabei nicht einmal von „wollen“ die Rede, denn wenn man genau hinschaut, lässt sich hinterfragen, ob das dann tatsächlich noch unser eigener Wille ist.

Kleine Hamster in kleinen Rädern

Es geht um Leistung, nicht ums Sein. Wenn ich da sitze und vor mich hin starre, leiste ich nicht. Also meldet sich mein Verstand, der mir das vor Augen führt und mich nicht länger bloß die Hauswand gegenüber sehen lässt, sondern all die Dinge, die ich in diesem Moment stattdessen tun sollte. Erledigen sollte. Ja, Erledigen ist wichtig. Am besten gehetzt und gestresst und schlecht gelaunt. Denn nur wer erledigt, leistet, und nur wer leistet, kommt weiter. Und Weiterkommen ist noch wichtiger als Erledigen.

Aber warum eigentlich?

Von ganz weit oben betrachtet sind wir nichts anderes als kleine Hamster in Rädern, die große Angst davor haben, dass ihr Rad stehenbleibt, sie von allen anderen überholt werden und im schlimmsten Fall keine Anerkennung und Liebe mehr erfahren. Haben wir doch alle als Kinder gelernt, dass Fleiß und Leistung Anerkennung und Liebe bedeuten. Manche, nicht wenige von uns meinen sogar, dass unsere Leistung der einzige Grund für Liebe ist. Nicht etwa unser Sein, sondern alleine unser Tun. Und manche, nicht wenige von uns glauben, dass unsere Leistung und somit die uns entgegengebrachte Liebe unseren Wert als Mensch ausmacht. Wir lassen unseren Selbstwert von nicht mehr und nicht weniger definieren als unserer Leistung und Anerkennung.

Und das alles passiert un- und unterbewusst.

Die unbewusste stimme in uns

Wir tun und leisten und hetzen aus Gründen, deren wir uns gar nicht bewusst sind. Ist das nicht verrückt? Unser Verstand gaukelt uns natürlich vor, dass wir das selbst wollen. Dass unser Ziel eben viel Geld (was nur mit viel, viel, viel harter Arbeit zu bekommen ist – nicht) oder großer Erfolg (der nur mit Stress und Burn-Out zu erreichen ist – nicht) oder eine 60h-Woche ist. Ja klar, also wenn das so ist … Und es heißt doch immer, dass wir unsere eigenen Ziele verfolgen sollen. Also tun wir das. Ohne zu hinterfragen, wer diese Ziele eigentlich für uns definiert hat – nämlich selten wir selbst.

Mein schlechtes Gewissen, das bin nicht ich. Das ist eine in mir angelegte Stimme, die mich dazu bringen will, gefälligst zu tun, weil ich sonst nicht geliebt werde und ergo nichts wert bin. Tief in mir habe ich gespeichert, dass mein bloßes Sein nicht ausreicht. Ist das nicht einer der schlimmsten selbstzerstörerischen Gedanken, den man einem Kind mit auf den Weg geben kann? Mit diesem Gedanken laufen wir alle herum und stolpern durch unser Leben. Es sei denn, wir werden uns bewusst.

Das glück liegt im sein

Die meisten von uns würden wohl behaupten, dass ihr Ziel ist, glücklich zu sein. Das Paradoxon: Wir suchen das Glück und verdrängen es in unserem Alltag so oft und so gut wie möglich. Obwohl es glücklich SEIN heißt, suchen wir das Glück im Tun anstatt im Sein. Und so verlieren wir zwischen all den To-Do-Listen und Terminen den Fokus für das, was uns glücklich SEIN lässt. Denn letztendlich ist es das Sein, was uns glücklich macht. Weil es uns wirklich befreit und wirklich sehen lässt, wohin wir wollen. Wir und niemand sonst. Weil wir nur im Sein unseren wahren Wert erkennen, der immer besteht, auch ohne alles.

Und auf diesem Standpunkt können wir dann anfangen, zu gehen und zu tun. Auf unserem ganz eigenen Weg. Angetrieben und motiviert von Träumen und Bildern in unserem Kopf, die unsere eigenen sind, und nicht von denen, die uns eine Gesellschaft vorgibt. Immer im Wissen, gut so zu sein wie wir sind. Auch ohne zu tun.

Ich weiß inzwischen, was ich will. Ich will verdammt noch einmal da sitzen und starren. Und zwar so oft und solange ich will. Weil ich aber meiner Auffassung nach niemanden dafür verantwortlich machen kann, dass mich mein schlechtes Gewissen immer wieder einholt, außer mich selbst, weiß ich auch, dass ich diejenige bin, die etwas ändern darf. Ich will den Chören in meinem Kopf kein Gehör mehr schenken, sodass sie irgendwann automatisch leiser werden. Und eine neue, laute Stimme etablieren, die mich aus dem Rad herausholt, wenn ich mich mal wieder darin verloren habe, und darin bestärkt, da zu sitzen und zu starren.

Wie ich zu mir finde

Ich sitze auf der Bank und schlürfe Kaffee. Ich lasse meinen Blick schweifen. Über die Marktstände, deren Besitzer*innen Zucchini und Tomaten in Papiertüten packen, hinüber zum Feinkostwagen, dessen italienischer Bergkäse so beliebt zu sein scheint, dass sich eine Schlange gebildet hat, bis zum Opa auf der Bank mir gegenüber, der Brotkrümel fallen lässt, auf die sich die Tauben stürzen. Alles, was ich tue, ist dasitzen und zuschauen. Eines meiner Lieblingshobbys.

Es mag paradox klingen, aber im morgendlichen Getümmel der aufwachenden Stadt finde ich wieder zu mir. Anonym in meiner eigenen Stadt bin ich zwar mittendrin und trotzdem ganz für mich. Niemand erwartet mich, niemand will etwas von mir. Da bin nur ich. Zwischen all den Menschen und Tauben. Und ich bleibe, solange ich will, und gehe erst, wenn ich es für richtig halte. Manchmal setze ich Kopfhörer auf und lasse die Kulisse vor mir von Lieblingsmelodien vertonen und zum Leben erwecken. Manchmal lese ich ein paar Seiten und verbringe so Zeit in mehreren Welten gleichzeitig. Manchmal lausche ich den Gesprächen vorübergehender Passanten. Und manchmal ist alles, was ich wahrnehme, der Lärm in meinem Kopf, der immer leiser wird.

Pause in der Partitur

Ich spüre meinen Puls, atme tief durch und höre in mich hinein. Und nehme noch einen Schluck Kaffee, den ich mir immer im selben italienischen Café hole, in dem ich auch schon morgens um 8 Uhr mit einem lauten „Ciao“ begrüßt werde. Diesen Moment habe ich mir gestohlen, um ihn nur mit mir selbst zu verbringen. Woher gestohlen? Aus meinem Alltag, der von mir verlangt, immer erreichbar zu sein, immer zu tun, immer zu leisten, immer zu kommunizieren. Diesen Moment verbringe ich nur mit mir und damit, zu sein.

Mit diesem Moment durchbreche ich meinen eigenen Rhythmus, in den ich in meinem Alltag ganz oft ganz unbewusst schlittere. Auch er selbst ist beinahe schon wieder zur Gewohnheit geworden und dadurch fast ein Teil des Rhythmus. Und trotzdem fühlt er sich wie ein Ausbruch an. Wie eine Pause in der Partitur meines Alltags. Weil er mir jedem Punkt auf meiner To-Do-Liste, jeder gängigen Arbeitszeit, jedem Leistungsdruck zum Trotz die Möglichkeit schenkt, einfach nur zu sein. Und damit das Geschenk der langen Weile macht, die ich mit Innehalten und Beobachten und Reflektieren fülle.

Inspiration & Tagträumen

Mir tut nicht nur die Pause gut. Während ich beobachte, kommen mir Ideen, die später zu Texten oder irgendetwas anderem führen. Ich sauge auf, was ich wahrnehme, und speichere es. Das nennt man wohl Inspiration. Und ich tagträume, indem ich meine Gedanken schweifen lasse. Das ist der Moment am Tag, in dem meine Fantasie den Raum bekommt, den sie so dringend fordert. Mir wird bewusst: Ich könnte jetzt einfach verschwinden. Ich könnte ins Auto steigen und wegfahren, einfach, weil ich es so will. Unweigerlich erkenne ich, wie frei ich wirklich bin, und große Dankbarkeit breitet sich in mir aus. Es ist also nicht nur die Pause, nicht nur die Inspiration, nicht nur das Tagträumen. Nein, es ist auch der Moment am Tag, aus dem ich Zufriedenheit und Dankbarkeit ziehe. Für den ganzen restlichen Tag.

Ich sitze noch ein Weilchen da. Und schlürfe an meinem Kaffee, der nicht mehr warm ist. Ich überlege, was der Opa mir gegenüber macht, wenn er zuhause ist, und ob der Gemüseverkäufer seinen Job liebt. Ich atme tief ein und aus und höre meinen Gedanken zu, die mir auch erzählen, was ich diese Woche unbedingt noch erleben möchte.

Und irgendwann dann schalte ich mein Handy wieder ein und begebe mich hinaus aus meiner eigenen kleinen zurück in die große Welt und die Erreichbarkeit.

Zwischen Loslassen und Verlieren

Heute Morgen habe ich in mein Notizbuch den Satz geschrieben: „Manchmal, wenn ich mich in meinem Leben verliere, scheint es, als wäre ich kein Teil davon, aber bin ich es nicht erst recht, wenn ich mich voll und ganz hineinstürze?“ Was es damit auf sich hat und wie ich zu diesem vom philosophisch anmutenden Gedanken komme, möchte ich hier mit dir teilen.

Seit ich mit ihm schreibe, weiß ich wieder, wie gut es für mich und vor allem meine Arbeit ist, mit niemandem „zu schreiben“. Denn das Schreiben ist ja nie nur Schreiben. Es ist immer wieder das Handy in die Hand zu nehmen und Apps zu öffnen, auf Bildschirme starren, Chatverläufe wieder und wieder neu zu laden, auf blaue Haken oder ein „schreibt…“ zu warten und zu lange über gleichzeitig schlaue und witzige Antworten nachzudenken. Es ist Ablenkung und Flucht aus dem Alltag in einem. Und wenn die ach so schlaue und witzige Konversation ausbleibt, ist es vor allem eines: Zeitverschwendung.

Weil ich diese Situationen zu gut kenne, die gerade dann wie beschrieben aussehen, wenn ich frisch begonnen habe, mit einem scheinbar aufregenden Mann zu schreiben, kann ich mein Verhalten bereits ziemlich gut einschätzen: Ich verliere nach und nach alles andere aus den Augen und irgendwann auch mich selbst.

Eine fließende Grenze

Mal mehr, mal weniger spannende Konversationen mit einem Mann, den ich gut finde, und auch die Zeit dazwischen, die ich mit Warten und neu Laden verbringe, sind für mich wie ein Sog, der mich ohne Vorwarnung in seine Tiefen reißt und verschlingt. Ich gehe darin unter und verliere den Blick fürs alles, was mir wichtig ist, und jegliche Selbstbestimmung. Ich lasse die Zügel los und gebe sie in andere Hände, die mich jedoch nicht immer dorthin führen, wo ich eigentlich mal hin wollte. Und meine Ideen und Träume und Werte leiden darunter.

Warum ich mich dann überhaupt wieder auf so etwas einlasse? Ich sehne mich danach, einfach mal loszulassen. Auf der einen Seite sehne ich mich danach, Vernunft und Kontrolle vollkommen loszulassen und mich Hals über Kopf in etwas zu stürzen, das Herzklopfen und Abenteuer verspricht. Den Verstand zu ignorieren und blind meinem Herzen zu folgen. Auf der anderen Seite kenne ich mich zu gut und möchte diese Abhängigkeit von blauen Haken und die Aufgabe meiner Selbstbestimmung nicht noch einmal erleben.

Ich bin mir inzwischen bewusst darüber, dass ein großer Unterschied zwischen Loslassen und Verlieren liegt. Das eine passiert bewusst, das andere unbewusst. Doch die Grenze dazwischen war für mich bisher immer fließend. Ich konnte sie nicht greifen und war mir ihrer nicht bewusst. Ein kräftezehrender Balanceakt, den ich gar nicht als solchen begriff und somit meistens verlor. Und mich selbst gleich dazu.

Es liegt ein großer Unterschied zwischen Loslassen und Verlieren.

Vielleicht ist er meine Chance

Ich weiß nicht, aus welchem Grund ich nun seit längerem keine ernsthafte Beziehung zu einem Mann hatte. Aber ich sehe, dass ich den Balanceakt bisher nie gewinnen hätte können und es deshalb besonders in den letzten zwei Jahren von großer Bedeutung für mich und meinen eigenen Weg war, keinen Sog in dieser Art und Weise in meinem Leben zu haben. Es war gut so, wenn nicht sogar notwendig und absolut richtig für mich.

Trotzdem sehe ich auch, dass es nicht die Lösung für mich ist, auf keine Beziehungen mehr einzugehen, um in Ruhe meinen Weg gehen zu können. Ich suche die Abwechslung zu allem, was ich tagtäglich erlebe. Ich suche die spannende, mich verwirrende und gleichzeitig reizende Konversation. Ich suche Momente, in denen ich Vernunft, Kontrolle und Verstand hinter mir lasse und mich in etwas stürze, das mein Herz wie wild klopfen und mich vollkommen im Jetzt ankommen lässt. Ich sehne mich nach Gefühlsexplosionen und dem richtig lauten Knall. Aber eben ohne das Warten und den Sog und das Verlieren. Also möchte ich lernen, wie das geht. Ich möchte lernen, mir bewusst zu sein, auch in der Situation selbst, und die Balance zu finden.

Und vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt dafür gekommen, vielleicht ist er meine Chance. Vielleicht darf ich mich jetzt, wo ich bereits die Ansätze einer Sogwirkung wahrnehme, darin üben, irgendwie eine Balance zu finden. Mein Vorteil: Ich weiß inzwischen – dank der langen Zeit nur mit mir ohne Ablenkung – sehr gut, was ich brauche und wie ich Zeit mit mir selbst verbringen kann und auch muss, um mich selbst im Blick zu behalten. Vielleicht ist jetzt also der Moment, in dem ich beweisen darf, was ich gelernt habe, und mich gleichzeitig im Loslassen üben kann. Denn, und der Gedanke kam mir heute Morgen, ich bin mir sicher, dass es möglich ist, mich ins Leben zu stürzen und dabei erst recht weiterhin ein Teil dessen zu sein.

Manchmal, wenn ich in meinem Leben verliere, scheint es, als wäre ich kein Teil davon, aber bin ich es nicht erst recht, wenn ich mich voll und ganz hineinstürze?

Traumwelten, die Geschichten im Konjunktiv erzählen

Ich habe von dir geträumt. Dass wir uns bei mir zum Quatschen getroffen haben, irgendwann dann vom Küchentisch ins Bett übergegangen sind, weil bequemer, und uns daraufhin beinahe unvermeidlich näher gekommen sind. Und irgendwie sind wir dann wieder zusammengekommen. Viel mehr weiß ich nicht mehr. Nur, dass ich mir heute Morgen noch eine ganze Weile nach dem Aufwachen nicht sicher war, ob das nun wirklich so passiert ist oder nicht. Beinahe hätte ich dir im Halbschlaf geschrieben.

Zum Glück ist mein Verstand doch noch rechtzeitig aufgewacht und ich habe verstanden, dass diese Geschichte meiner Fantasie entsprungen sein muss. Eine weitere Geschichte meiner Fantasie. Eine weitere Geschichte im Konjunktiv. Im Traum wie Wirklichkeit, doch in der Wirklichkeit nur ein Traum.

Dabei haben eigentlich ja Kinder den Konjunktiv für sich gepachtet. Mit Sätzen wie „Und dann wäre ich halt die Mutter und du wärst mein Kind und ich hätte dich gefüttert, okay?“ bringen sie den Mitspielenden näher, welche Ideen ihnen gerade im Kopf herumschwirren. So kommunizieren sie ihre Fantasie. Auch ich scheine diese Methode weiterhin zu nutzen und diese Dialoge nach wie vor zu führen, aber eben in meinem Kopf. Mit mir selbst. In meinen Träumen.

Altes und Neues wird verknüpft

Träume bieten einen wundervollen Raum für unsere Fantasie und all das, was unser Unterbewusstsein verarbeiten möchte. Vor kurzem las ich in einer Recherche für einen Text, dass wir in der REM-Schlafphase am bildreichsten und kreativsten träumen. Und wenn wir direkt aus dieser Schlafphase erwachen, können wir uns auch am besten an den Traum erinnern. So muss es heute Morgen gewesen sein – ich konnte mich erinnern, es mir aber leider nur bruchstückhaft merken. Warum wir überhaupt träumen, wollte ich natürlich auch wissen. Da gibt es verschiedene Meinungen, doch worin sich alle einig sind, ist, dass wir tagsüber Erlebtes verarbeiten und mit „alten“ Informationen kombinieren, um das Wissen in zukünftigen Situationen anwenden zu können.

Was sagt mir das nun über den Traum heute Nacht? Ich habe gestern einen Blogartikel bei follow your feelings über eine Dating-Geschichte gelesen. Die Szene, in der die Autorin und der Mann ihr gegenüber ihre Gespräche ins Bett verlegten, scheint mir besonders im Gedächtnis geblieben zu sein. Diese neue Information scheine ich mit den Erinnerungen an unsere Beziehung verknüpft zu haben. Und schwups – ist daraus ein Traum und damit eine neue Geschichte entstanden. Was mir das für die Zukunft bringt, weiß ich allerdings nicht.

Du & Ich

Die einzige Auswirkung, die ich im Moment erkenne, ist, dass es mich offensichtlich den ganzen Tag beschäftigt. So sehr, dass ich darüber schreibe. Das ist zwar schön für meinen Blog, für meine Produktivität jedoch eher weniger förderlich. Aber gut, dann hänge ich meinem nächtlichen Traum eben auch noch ein bisschen in meinen Tagträumen nach.

Wir beide. Vor über drei Jahren war Schluss. Schluss mit unserer Beziehung, die nicht einmal zwei Jahre hielt. Mit unserer Intimität und Nähe auf einer anderen Ebene. Mit den Reisen und spontanen Ausflügen. Mit den nicht beantworteten Nachrichten und tiefgehenden Gesprächen. Mit dem Verständnis füreinander und den Struggles, die uns beide sehr belasteten. Dieses Ende bescherte mir den heftigsten Schmerz in meinem bisherigen Leben. Und das weißt du auch. Auch du hast heute noch daran zu knabbern und machst dir selbst Vorwürfe. Wir beide tragen ein Päckchen mit unseren Namen darauf mit uns herum. Das weiß ich, weil wir nach wie vor Kontakt haben, uns austauschen, manchmal auch sehr ehrlich und emotional, und uns unregelmäßig sehen.

Ein seltsam sicheres gefühl

Ist das der Grund, warum ich immer noch ab und zu von dir träume? Auch du träumst von mir, wie du sagst. Was genau, weiß ich nicht. Träume nur ich davon, dass wir wieder zusammenkommen? Ist es das, was sich mein Unterbewusstsein wünscht, was ich mir wünsche? Oder ist es viel eher ein Hinweis darauf, dass ich mich immer noch im Prozess finde, loszulassen, und noch aktiver daran arbeiten darf? Ich habe schon vor längerem aufgehört, meine Träume von dir unnötig intensiv zu interpretieren, weil ich weiß, dass sie zum Prozess dazugehören. Und trotzdem hänge ich manchen hinterher und frage mich, welche Erkenntnis sie beinhalten könnten.

Aus dem Traum von heute Nacht kann ich keine Erkenntnis herausziehen. Ich weiß, wie er vermutlich entstanden ist, aber nicht, was er mir sagen möchte. Und im Grunde ist es auch gar nicht so wichtig. Weißt du, warum? Weil ich irgendwo in mir dieses Gefühl spüre, dass wir uns irgendwann noch einmal begegnen werden. Und mit begegnen meine ich nicht, dass wir uns auf der Straße treffen, sondern, dass wir zu einem anderen Zeitpunkt an einem anderen Ort auf zufällige (oder auch nicht zufällige) Weise zueinanderfinden. Bedeutet das, dass wir noch einmal zusammenkommen? Keine Ahnung. Ist das letztendlich nichts anderes als ein aus naiver Hoffnung heraus entstandenes, gut getarntes Festhalten? Vielleicht. Aber dieses Gefühl ist so seltsam sicher und einfach da. Es ist nicht besonders aufdringlich und weder positiv noch negativ. Es ist einfach da.

traum oder wirklichkeit

Manche Träume sind verrückt und seltsam, andere traurig oder grausam, dass man so schnell wie möglich aufwachen möchte, und wieder andere sind so schön, dass man überhaupt gar nicht aufwachen möchte. Viele Träume erzählen Geschichten im Konjunktiv, manche tatsächlich passierte Geschehnisse. Und eines haben sie alle gemeinsam: Sie machen sich in dem Raum breit, den unser Unterbewusstsein während unseres Schlafes zur Verfügung bekommt. Diesen ganz besonderen Raum, diese Traumwelten, durch die wir uns nur im Schlaf bewegen können. Reine Magie! Egal, wie oft ich auch noch von dir träumen werde und wie oft wir uns dabei noch trennen oder wir wieder zusammenkommen werden – ich bin dankbar für die Fantasiewelt, die ich nachts betreten darf. Und wer weiß, vielleicht vermischen sich irgendwann Fantasie und Wirklichkeit, verwandeln Konjunktiv in Indikativ und wir finden wieder zusammen. Oder eben nicht.

Irgendetwas fühlen

Fühlst du etwas?

Was fühlst du?

Was ich fühle?

Ich fühle alles. Und nichts.

Meine Gefühle laufen über. Habe viel zu viele von ihnen. Eines läuft ins andere und ich kann sie nicht mehr unterscheiden. Ist es Freude, ist es Schmerz? Ich kann sie nicht greifen und nicht stoppen. Sie fließen wie wilde Ströme durch mich hindurch und über mich hinaus. Aus allen Poren strömt Gefühl. Und ich weine und ich lache. Mein Herz klopft wie wild und ich möchte schweigend schreien. Meine menschliche Gestalt löst sich auf und ich bin nur noch Gefühl. Hat jemals jemand so viel auf einmal gefühlt?

Erzählt hat mir noch nie jemand davon. Vielleicht liegt das daran, dass wenige von Gefühlen erzählen. Wenn es welche gibt, die so fühlen wie ich, dann frage ich mich, wie die das machen. Ich weiß nicht, wohin damit. Ich schreibe und tanze, aber das reicht nicht. Verstopft man Poren am besten? Oder unterdrückt die Gefühle irgendwie anders? Mit Make Up oder Alkohol oder toxischen Beziehungen oder Arbeit? Und verlernt so einfach mit der Zeit, zu fühlen? Oder wie wird man anders damit fertig?

Wo sind denn all die Gefühle auf der Welt? Ich sehe sie nicht. Platzen die ganzen Leute nicht alle irgendwann? Platzt du nicht irgendwann?

Und dann ist es wieder zu wenig. Dann sehne ich mich danach, überhaupt irgendetwas zu fühlen. Wenn ich tagelang an meinem Schreibtisch sitze, nicht raus und niemanden sehen darf, nichts erlebe, nichts erfahre. Wenn mir die Decke nicht nur auf den Kopf fällt, sondern sie mich beinahe erdrückt. Dann ist alles wie taub und mein Blick aus dem Fenster leer und starr. Dann klopft mein Herz nur schwer und langsam und ich will weder schreien noch schweigen. Sondern einfach irgendetwas fühlen, irgendetwas. Will etwas erleben, Freude wie Schmerz. Und sehne mich nach dem Schwall an Gefühlen und der Überforderung.

Vielleicht ist es das. Vielleicht ist genau das die Zeit, in der wir gerade leben. Vielleicht ist es genau so, wie ich die Zeit gerade erlebe. Ein Schwanken zwischen zu viel Gefühl und gar keinem Gefühl. Und vielleicht geht es dir ja auch so.

P.S. Schau dir den Film „Love Again“ an. Vollgepackt mit echten Gefühlen und eine große Empfehlung.