Ein Fest der Liebe ohne Liebe?

Tante Frida lässt den Jutebeutel sinken. Wie ist sie bloß auf die Idee gekommen, jetzt einkaufen zu gehen? Sie steht vor dem Supermarkt und schaut den Leuten dabei zu, wie sie hektisch ihren Mundschutz aufziehen, während sie sich einen Einkaufswagen nehmen – ja, bitte jede*r einen -, kurz mit dem Jackenärmel über den Griff wischen und sich ins Getümmel stürzen. Die Wägen füllen sich nicht nur rasant, weil niemand allzu schnell wieder hierher kommen möchte, sondern werden auch dazu benutzt, um sich den eigenen Weg rücksichtslos freizuräumen. Und jede*r, der/die zu lange überlegt, ob Raclettekäse wie immer oder mal ne Variante mit Camembert, wird zum Opfer aggressiver Wagenpatrouillen. Ein Mann stolpert verschwitzt und keuchend auf Tante Frida zu – er scheint es gerade noch so raus geschafft zu haben – und raunt: „Da würde ich nicht reingehen an Ihrer Stelle, die Schlange an der Kasse reicht bis zur Käsetheke. Aber weil die Menschen das nicht verstehen wollen, hab ich jetzt ein paar blaue Flecken am Allerwertesten. Die sind doch alle verrückt geworden.“ Tante Frida lacht kurz verlegen, obwohl ihr überhaupt nicht zum Lachen zumute ist, wirft sich den Jutebeutel wieder über die Schulter und macht kehrt. Und still und leise fragt sie sich, warum sich die Menschen dieses Weihnachten noch weniger liebevoll verhalten als sonst ohnehin schon.

Das Paket platzt aus allen Nähten. Jana versucht verzweifelt, es irgendwie mit Klebeband und Paketschnur, zusammenzuhalten. Sie muss schließlich in zehn Minuten bei der Post sein, weil die dann schließt und das Paket ansonsten nicht mehr rechtzeitig ankommt. Während sie es einmal komplett mit Klebeband einwickelt, füllen sich ihre Augen mit Tränen. Das Paket ist für ihre Oma, die sie dieses Jahr zum ersten Mal in ihrem Leben nicht an Weihnachten sehen wird. In Janas Familie haben sie sich darauf geeinigt, dass nur ihr Vater Oma im Altenheim besuchen wird. Außerdem wohnt ihre Familie drei Stunden von Jana entfernt, weshalb sie die Feiertage dieses Jahr mit der Familie ihres Freundes verbringt. Alles anders dieses Jahr, denkt Jana bei sich. Alles anders und alles irgendwie nicht gut. Sie wischt sich die Tränen von der Backe und schnäuzt einmal kräftig – mit Mundschutz geht das gleich immerhin eher schlecht.

Er legt auch noch die letzten Paar Socken wieder ordentlich aufeinander. Auch wenn es sich eigentlich gar nicht mehr lohnt, denn ab morgen bleibt sein Laden einmal mehr für drei Wochen geschlossen. Herr Weber hat heute noch kein einziges Mal aus Freude gelächelt. Das Lächeln, das er den Leuten entgegenbringt, die am Schaufenster seines kleinen Strumpfladens vorbeilaufen und hereinschauen, entsteht eher aus Gewohnheit als aus Freude. Die kommenden Tage wären vermutlich die lukrativsten des Jahres geworden – immerhin sind Socken nach wie vor ein beliebtes Last-Minute-Geschenk. Und selbst die Last-Minute-Käufer*innen schätzen Qualität, wie sie bei Herrn Weber zu finden ist. Er hat sogar Weihnachtssocken mit Tannenbäumen im Angebot und die beliebte, bunt gestreifte Version für den legeren Business Look. Doch auch die kann nichts daran ändern, dass er in drei Stunden ein letzten Mal alle Socken ordentlich aufeinander legen und dann die Tür seines Ladens hinter sich schließen wird. Ganz ohne vorfreudiges Lächeln wie sonst vor Weihnachten, als bereits alle Geschenke für seine Familie besorgt und ohne Bauchschmerzen bezahlt waren.

Wo ist die liebe geblieben?

Die Liebe scheint sich in diesen Tagen Urlaub genommen zu haben. Vielleicht bleibt sie wie alle anderen zuhause. Vielleicht steht sie an ihrem Fenster, lugt durch den Vorhang hinaus in die Dunkelheit und beobachtet die Menschen dabei, wie sie sich gegenseitig mit Abstand die Köpfe einschlagen, sich einsam fühlen, sich Sorgen machen. Und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, sie ziehe dann einfach den Vorhang wieder zu, lasse sich auf ihre Couch fallen und verkrieche sich unter ihrer Kuscheldecke. Und vielleicht bleibt sie dort sogar über Weihnachten. Womöglich hat auch sie die Schnauze voll und kurzerhand beschlossen, ihr eigenes Fest ausfallen zu lassen und alleine zuhause mit zu viel Gin zu verbringen.

Normalerweise liebt sie Weihnachten, wenn sie von allen gefeiert wird. Dann sitzt sie mit in Wohnzimmern und versteckt sich in Geschenken und Worten und Zeilen von Briefen an alte Bekannte. Ihr Lieblingsort ist dort, wo sich Menschen wahrhaftig begegnen und berühren. Doch dieses Jahr, wo zumindest die physischen Begegnungen und Berührungen ausfallen, fühlt sie sich weder gebraucht noch gefeiert. Da fühlt sie sich so verlassen und alleine gelassen wie wir alle. Und hat nicht die Kraft, sich noch in Supermärkte und Läden, die schließen müssen, zu schleichen, um Streit zu schlichten und Tränen zu trocknen und Lächeln zu zaubern. Sie scheint auf der Suche nach ihrem eigenen Leuchten, ihrer eigenen Kraft zu sein, um dann erst wieder für andere da sein zu können. Und so schließt sich der Teufelskreis – wir fühlen uns verlassen von der Liebe und die Liebe fühlt sich verlassen von uns. Droht uns also ein Fest der Liebe ohne Liebe?

Oder können wir etwas tun?

Möglicherweise möchte die Liebe, dass wir lernen, sie nicht für selbstverständlich zu halten, auch nicht an Weihnachten. Und dass wir erkennen, dass wir losgehen und sie suchen dürfen, wenn wir sie uns wünschen. Dass wir für die Liebe losgehen, indem wir gut zu anderen und uns selbst sind, indem wir wieder vertrauen, indem wir dankbar sind. Natürlich schenkt die Dankbarkeit Herrn Wagner nicht den Umsatz, den er in diesen Tagen gemacht hätte. Aber vielleicht eben doch das vorfreudige Lächeln, das er sonst auf seinen Lippen trägt. Und das wiederum schenkt seiner Familie die Liebe, die sie sich wünschen. Denn im Grunde ist ihnen ja egal, wie groß oder klein die Geschenke ausfallen – am wichtigsten ist ihnen allen einzig und allein die Liebe. Die darf nicht ausfallen. Natürlich zaubert auch das Vertrauen nun nicht einfach Jana ihre Oma zu sich, damit sie sie doch noch sehen kann. Aber in ihrem Paket versteckt sich eine so große Portion Liebe, dass Janas Oma beim Auspacken ganz warm ums Herz werden wird – beinahe so als würde sie Jana gerade im Arm halten. Und natürlich nimmt auch die Liebe nicht die Hektik und den Platzmangel aus dem Supermarkt. Aber schon ein paar liebe Worte in der Schlange an der Käsetheke können die Stimmung entspannen und einen solchen Dominoeffekt anstoßen, dass selbst der/diejenige am Ende der Schlange, der/die 45 Minuten auf seinen Gruyère warten muss, am Ende mit einem Lächeln und einer schönen Geschichte aus dem Laden geht.

Vielleicht kommen diese Worte jetzt wie großes Blabla daher, wo du selbst oder Menschen in deinem Umfeld doch wirklich Ängste und Sorgen haben. Und ich möchte keinesfalls all die Schicksale verharmlosen oder klein reden. Trotzdem versuche ich, zwischen all den grimmigen (unter der Maske sicherlich einfach nur enttäuschten oder verängstigten) Gesichtern, der Hektik und der Einsamkeit irgendwie ein paar aufheiternde, liebevolle Worte zu finden. Denn ich weiß zwar nicht viel in diesen Tagen – nicht, wann all das ein Ende findet, wann wir wieder echte Berührung erfahren dürfen, oder wann die Sorgen weniger werden -, aber was ich weiß, ist, dass die Liebe immer da ist. Und das ist verdammt nochmal keine leere Worthülse. Wo wir uns Liebe wünschen, da kann sie auch sein. Wo wir uns wahrhaftige Begegnung und Berührung wünschen, da finden wir sie vielleicht nicht so, wie wir sie gewohnt sind, aber auf jeden Fall in anderer Form. Wo wir uns ein Lächeln wünschen, da können wir eines verschenken. Und wenn die Liebe gerade Urlaub macht und sich unter ihrer Decke verkriecht, dann haben wir es in der Hand, sie zu uns einzuladen.

Also lasst uns die Liebe feiern, zu ihrem eigenen Fest, aber auch an allen anderen Tagen im Jahr – denn wenn es sonst nichts gibt, wenn wir sonst nichts haben, dann wenigstens ein Herz voller Liebe und ein Lächeln im Gesicht!

Es war einmal… kein Platz mehr für Fantasie

Es war einmal – so beginnt jedes traditionelle Märchen, bevor es dich in den Bann seiner Zeilen zieht, die voller Träumereien, Fantasie und Magie stecken. Bevor du mit fantastischen Wesen farbenprächtige Abenteuer erlebst, wundervolle Welten durchstreifst, die Qualen eines Fluches erfährst und am Ende Glück und eine weitere Weisheit geschenkt bekommst. Aber lässt du dich davon denn tatsächlich in den Bann ziehen? Oder bremst du vorher ab? Weil es kindisch ist oder gar Zeitverschwendung? Oder weil du Wichtigeres zu tun hast und in der Realität die echten Probleme gelöst werden müssen?

Wenn ja, dann geht es dir wie mir. Fantasie hat keinen Platz in meinem getriebenen Leben, in dem ich möglichst viele To Dos abhaken und hohe Zahlen auf meinem Konto sehen möchte. Es müssen Entscheidungen getroffen, Schritte getan und Probleme gelöst werden. Im Großen und Ganzen geht es darum in unserem Alltag, oder? Und während ich das schreibe, zweifle ich selbst daran, ob das Thema Fantasie wirklich einen Platz auf meinem Blog bekommen sollte. Aber JA, sollte es unbedingt! Darf ich dir erzählen, warum?

Fantasie weicht logik

Die meisten von uns leben ihr Leben aus ihrem Verstand heraus. Das bedeutet, die Entscheidungen, Schritte und Probleme, von denen ich sprach, werden im logisch und rational denkenden Teil unseres Gehirns angegangen. So haben wir es gelernt, so funktioniert es. Und deshalb schenken wir beispielsweise unseren Gefühlen eher weniger Raum in unserem Alltag, weil wir sie als störend oder vom Eigentlichen ablenkend empfinden. Dabei kann uns unser sogenanntes „Bauchgefühl“ oder auch unsere Intuition sehr wohl dabei helfen, Entscheidungen zu treffen, Aufgaben zu bewältigen und Probleme zu lösen. Unsere Intuition kann uns sogar dabei unterstützen, dies so zu tun, wie es unserem Wesen und unserem tatsächlichen Willen entspricht, während unser Verstand sich sehr an den Meinungen anderer und der Gesellschaft orientiert. Das Problem ist nur, dass wir die Stimme unserer Intuition häufig gar nicht mehr wirklich wahrnehmen, weil wir so sehr von Logik, Rationalität und gesellschaftlichen Konventionen geleitet sind. Und weil wir vielleicht das ein oder anderer Mal belächelt wurden als unser „Bauchgefühl“, unsere Intuition der Grund für eine Entscheidung war.

Ähnlich ist es mit unserer Fantasie. Kinder, die in ihre Spielereien und Kunstwerke viel Fantasie stecken, werden beklatscht. Und wirklich jedes Kind ist reich an Fantasie und drückt dies auf seine ganz eigene Art und Weise aus. Doch was dann passiert, ist, dass wir älter werden und uns in ein System einfügen (müssen), das keinen Platz mehr für Fantasie lässt. Spätestens in der weiterführenden Schule stehen im Deutschunterricht keine eigenen Erzählungen mehr auf der Tagesordnung, sondern Erörterungen und Analysen. Und wenn wir im Alltag mal einfach dasitzen und vor uns hin träumen (ganz à la Pippi Langstrumpf), werden wir direkt als Träumer*innen bezeichnet, was nicht unbedingt positiv zu verstehen ist. Träumer*innen haben wie ihre Fantasie und Kreativität keinen Platz in dieser Welt. Dabei wären genau sie diejenigen, die – wenn auch in ihrem eigenen Tempo – die kreativen Lösungen und Ideen präsentieren, die es braucht, um diese gleichfarbige, eintönige Masse unserer Gesellschaft aufzubrechen und darin Licht und Farbe zu verbreiten. Natürlich und zum Glück gibt es die, denen das gelingt. Aber die meisten verbieten sich ihre Fantasie im Lauf der Zeit und verlieren irgendwann komplett ihren Zugang.

platz für fantasiereisen

So ist es auch bei mir. Sobald ich ein paar Wörter schriftlich aneinanderreihen konnte, begann ich, Geschichten zu schreiben. Über kleine Mädchen, lebendige Schneemänner und eine Sonnenblumenfamilie. Meine Grundschullehrerin lobte mich, meine spätere Deutschlehrerin war von meinen Textanalysen nicht halb so begeistert. Damals war ich enttäuscht von mir, weil ich gedacht hatte, ich sei gut in Deutsch – heute weiß ich, dass mir eben vor allem die freien und journalistischen Stücke liegen, doch die kamen viel zu kurz in meiner Schulzeit. Aber wie sieht es aus mit den Fantasie-Erzählungen über magische Welten, in denen Schneemänner und Sonnenblumen lebendig sind? Insgeheim weiß ich, dass ich das immer noch kann und eine blühende Fantasie habe. Doch auch mir ist der Zugang irgendwie abhanden gekommen. Wenn ich los schreiben will, merke ich deutlich Bremsen und Grenzen, die mich nicht noch größer und noch fantastischer denken lassen. Brav abtrainiert habe ich mir das und schön fleißig Grenzen aufgebaut, um bloß nicht ins Träumen zu geraten und mir ja nichts Unmögliches auszudenken, das ich am Ende noch verwirklichen wollen würde. Ja, wo kämen wir denn da hin?

Nun ja, möglicherweise in ungeahnte Sphären, in denen ich die wundervollsten Welten erschaffe und mir damit tatsächlich meine eigenen Träume verwirkliche! Etwa den Traum von einem eigenen Kinderbuch. Und genau deshalb habe ich entschieden, meiner Fantasie wieder mehr Platz in meinem Leben einzurichten und mich auf die Suche nach ihr zu begeben. Und ich glaube, dass ich, wenn ich in meinem Alltag Platz für Fantasiereisen mache, sie auch finden und nutzen können werde. Dass ich wieder dorthin kommen kann, nichts für unmöglich, zu groß, zu fantasievoll oder zu weit weg zu halten. Sondern stattdessen ein bisschen naiv, ein bisschen idealistisch, ein bisschen verrückt zu sein und Gebrauch davon zu machen, um Menschen in den Bann meiner Zeilen zu ziehen, die voller Träumereien, Fantasie und Magie stecken.

So ganz nach Alice aus „Alice im Wunderland“ – einer meiner liebsten fantastischen Geschichten überhaupt:

Du bist total durchgeknallt. Aber soll ich dir ein Geheimnis verraten? Das macht die Besten aus.

Alice im Wunderland von Lewis Carroll

Ein ganzes Universum

Es ist dunkel. Aber nicht ganz, denn dort funkeln ein paar Sterne. Es gibt keine Menschen, keine Gegenstände, nichts. Leere und doch vollkommene Fülle. Ein goldener Streif fließt wie Magie durch das Dunkel und hinterlässt einen goldenen Schauer. Es ist ruhig, noch viel ruhiger als an einsamen Plätzen, noch viel ruhiger als vor einem Sturm. Solche Ruhe habe ich noch nie erlebt. Die Ruhe ist nicht so angespannt oder unheimlich, wie ich sie kenne, sondern ganz friedlich. Und es werden immer mehr Sterne. Alles glitzert. Das Dunkel ist ruhig und friedlich und die Sterne darin voller Magie und Liebe. Meine Augen strahlen mit ihnen um die Wette, meine Ohren sind froh um eine Pause und mein Herz ist ganz leicht. So stelle ich mir das Universum vor. Das Universum in mir. Kannst du es sehen?

Was ein spiritueller bullshit?!

Ein Universum in mir? Vielleicht denkst du jetzt, was für ein spiritueller Bullshit das sein soll. Dann gehörst du vermutlich zur Mehrheit. Aber lass mich dir trotzdem erklären, worum es mir geht. In meiner Umgebung leben die meisten Menschen aus ihrem Verstand heraus. Das bedeutet, sie benutzen ihren Verstand, um Entscheidungen zu treffen, und haben eine rationale, logische Herangehensweise. Die meisten sind sich dessen vermutlich nicht einmal bewusst – sie handeln automatisch so, ganz einfach, weil unsere Gesellschaft so gestrickt ist. Es geht darum, höher, schneller, weiter zu kommen und das mithilfe unseres klugen Verstandes. Träumereien und Fantasie haben da eher keinen Platz – zumindest nicht, wenn man, so wie alle, auf der Karriereleiter nach oben klettern, gutes Geld verdienen und erfolgreich sein möchte. Aber auch nicht, wenn man etwa ein geplantes Leben im eigenen Haus in der Vorstadt, einen bestimmten Körper oder eine perfekt strukturierte Morgenroutine möchte, so wie alle eben.

In dieser Gesellschaft befinde auch ich mich. Auch ich bin so geprägt und richte mich mehr oder weniger bewusst danach. Auch ich versuche, eine Morgenroutine zu etablieren und in meinem Job weiterzukommen. Auch ich entscheide mit meinem Verstand. Auch ich denke, dass ich bloß mit dieser Herangehensweise akzeptiert werde. Doch umso mehr ich darüber erfahre, dass es andere Möglichkeiten gibt, mein Leben und Handeln zu gestalten, desto schwerer fällt es mir, in diesen Mustern zu bleiben. Allerdings fällt es mir genauso schwer, daraus auszubrechen. Weil ich Liebe und Akzeptanz damit verbinde.

Was ich möchte, Wenn ich grenzen sprenge

Ich stelle nach wie vor das, was andere über mich denken, darüber, was ich eigentlich für mich möchte. Ich möchte nicht nur, dass andere akzeptieren, was ich mache, sondern es auch gut finden. Also passe ich mich an, so gut es geht. Aber dadurch adaptiere ich die Grenzen anderer. Dort, wo andere Möglichkeiten für sich begrenzen, tue ich es auch. Und so gerate ich zusehends in einen Konflikt. Theoretisch weiß ich bereits, was möglich sein könnte, aber praktisch kann ich es nicht umsetzen. Solange mir die Meinung anderer wichtiger ist, sprenge ich diese Grenzen nicht und bleibe, wo ich bin. Ich verurteile diese Grenzen nicht und auch nicht, das Leben mit Logik und Rationalität anzugehen. Aber für mich möchte ich das nicht. Und vielleicht willst du es ja auch nicht mehr, wenn du erfährst, welche Möglichkeiten es noch gibt.

Oh wow, jetzt hat sie es richtig spannend gemacht. Was sind jetzt also diese Möglichkeiten? Das möchte ich dir gar nicht erzählen, weil ich dir damit direkt wieder etwas vorgebe und deiner Fantasie Grenzen setze. Vielleicht holst du also erst einmal deine Fantasie und Träume aus ihrem Versteck und lässt ihnen wieder freien Lauf. Und währenddessen erzähle ich dir, was ich für mich möchte, wenn ich die Grenzen aller nicht mehr zu meinen eigenen Grenzen mache.

Ich möchte stärker mit meiner Intuition verbunden sein, um ihr zu folgen. Ich möchte ungebremste Emotionen und Echtheit und Ehrlichkeit. Ich möchte den Zauber des Lebens so richtig spüren und nicht nur durch gesellschaftliche Filter irgendwie vage wahrnehmen. Ich möchte Platz schaffen für alles, was mich begeistert. Für Spiritualität und Magie. Für das Verrückte, Fantasievolle, scheinbar Unmögliche. Für Lautstärke und Intensität. Für Träumereien und Projekte, die auf andere naiv und unlogisch wirken, mir selbst aber die größte Erfüllung schenken. Für ungeahnte Möglichkeiten und für den Mut, sie zu ergreifen. Für unbeschwerten Tanz und lauten Gesang als gäbe es nur mich und die Musik. Für Fehler ohne Scham und neue Wege, mich kreativ auszuleben. Für echte Liebe und echte Konflikte. Für alle meine Talente und „Schwächen“. Für alles, was ich bin.

Was hat das mit dem Universum zu tun?

Wenn ich es einmal aus dem gesellschaftlichen Denken herausschaffe, dann sehe ich meine innere Welt so grenzenlos und wunderschön, wie ich es beschrieben habe. Welche innere Welt? Na, das, wo sich mein Glauben an mich und all meine Überzeugungen befinden, wo sich meine Wünsche formen, wo meine Intuition sitzt. Wenn du diesen Ort in dir als innere Welt wahrnimmst, die du selbst gestalten kannst, dann begreifst du, welche Dimensionen in dir herrschen und wie viel dort möglich ist. Und für mich ist es nicht nur eine Welt, sondern ein ganzes Universum. Erfüllt von Ruhe und Friedlichkeit, Liebe und Magie. Dieses Universum anzuerkennen und mich darum zu kümmern, indem ich meiner Intuition zuhöre, meine Träume verfolge und meine Gefühle zum Ausdruck bringe, ist eine weitere Möglichkeit, mein Leben zu leben. Und diese Möglichkeit möchte ich jetzt endlich wahrnehmen. Und sie wichtiger für mich werden lassen als all die Meinungen anderer und gesellschaftlichen Konventionen. Sodass mein inneres Universum alle Grenzen sprengt.

Es ist okay, nicht okay zu sein

Nein, es geht mir nicht gut. Nein, ich will nicht lächeln. Nein, ich will auch nicht rausgehen. Nein, ich will nicht telefonieren. Nein, ich will jetzt auch keine Gute-Laune-Musik hören, nicht den herabschauenden Hund machen und auch erst recht nicht meditieren. Nein, ich will nicht all die düsteren Gedanken in meinem Kopf einfach wegscheuchen und so tun als ginge es mir blendend. Es geht mir einfach nicht gut. Aber das scheint nicht gut zu sein. Nicht einmal okay.

Mein Bauch tut weh und mein Kopf auch. Ich liege im Bett und schaffe es nicht, aufzustehen. Seit Stunden starre ich an die Decke und im Hintergrund läuft eine melancholische Indie-Playlist. Aber im Vordergrund sind meine Gedanken, laut und alles einnehmend und so grau wie die dicke Wolkendecke draußen. Neben mir liegen eine angebrochene Tafel Schokolade, eine halb geleerte Packung Erdnüsse, mein Handy, auf das ich lange nicht mehr geschaut habe, und eine Wärmflasche. Mein Notizbuch liegt da auch, aber von all den lauten Gedanken kriege ich keinen einzigen gefasst, um ihn aufzuschreiben. Dabei hilft mir Aufschreiben eigentlich immer. Aber in diesem Moment möchte ich gar keine Hilfe. In diesem Moment bin ich einfach nicht okay und möchte es auch nicht sein.

Es geht nicht um gefüllte Konten, sondern erfüllte Herzen

Dabei weiß ich gar nicht mehr so richtig, wie das eigentlich geht. Nicht okay zu sein. Ich habe es verlernt, weil ich selbst und andere etwas anderes von mir erwarten. Nämlich, dass ich doch bitte immer okay und noch mehr als das, nämlich zufrieden, erfüllt, glücklich und in meiner Mitte bin. Wir, ich eingeschlossen, reden davon, dass man sich selbst lieben muss, und davon, wie man wohl das große Glück findet. Wir reden von innerer Ausgeglichenheit, Zufriedenheit, Erfüllung und dem Weg dorthin. Wir wollen uns stetig weiterentwickeln, nicht stehen bleiben, dazu lernen, immer besser werden. Wir meditieren, schreiben Seiten in unseren Journals, sprechen Affirmationen, machen Yoga und besuchen Retreats. Wir lesen Ratgeber, schauen Livestreams auf Instagram und hören Podcastfolgen. Wir verteufeln „höher, schneller, weiter“ auf der vertikalen Achse, wollen aber umso größere Schritte auf der horizontalen Achse in Richtung Erleuchtung gehen. Und auf dem Weg dorthin gleichzeitig schon erfüllt sein. Uns geht es nicht um gefüllte Konten, uns geht es um erfüllte Herzen.

Aber was, wenn wir uns damit in die eigene Tasche lügen? Also in die bis oben hin mit happy feelings gefüllte Tasche. Wenn neben dem ständigen Streben nach Ausgeglichenheit und Erfüllung gar kein Raum mehr bleibt für das Leben, mit seinen schweren Phasen und schlechten Tagen und miesen Gefühlen? Wir tun gerne so als könnten wir, wenn wir denn nur wollen und an uns selbst und das Universum glauben, rund um die Uhr als grinsende Honigkuchenpferde herumlaufen. Als könnten wir auf der Suche nach dem Glück nichts anderes sein als glücklich. Und als wären wir selbst schuld daran und fast schon zu bemitleiden, wenn wir es mal nicht hinkriegen. Wenn dann aus Versehen doch mal miese Gefühle hochkommen und das Grinsen mit einer Träne unterbrochen wird, die nicht überschwänglicher Freude entstammt.

HOnigkuchenpferde und innere Dämonen

Im Grunde ist nichts daran besser als „höher, schneller, weiter“. Wir pressen uns in ein Korsett, in dem wir nicht nach Geld oder gesellschaftlich anerkanntem Erfolg streben, sondern nach Selbstliebe, Happiness und Erfüllung. Und dabei vergessen wir genauso das Leben wie die, die wie wild Karriereleitern hochklettern. Es ist schlichtweg der Versuch einer weiteren Generation, Zufriedenheit und einen Sinn zu finden. Und diesen Versuch unterstütze ich, weil auch ich meinen eigenen Weg suche, auf dem ich persönliche Erfüllung finde, und weil auch ich zufrieden sein möchte. Aber ich finde es gefährlich, alles Negative wegzulächeln und sich selbst und anderen gegenüber Druck aufzubauen, dass man schuld und schwach ist, wenn das Leben dann doch mal scheiße ist. Ich für mich empfinde es auch so, dass ich selbst in der Hand habe, wie ich mit schwierigen Phasen, schlechten Tagen und miesen Gefühlen umgehe. Aber gerade deshalb glaube ich, ist es wichtig, all dem auch eine Daseinsberechtigung zuzusprechen und Raum zu lassen und jeder/jedem seinen/ihren eigenen Umgang damit zu gewähren.

In all unserer persönlichen Weiterentwicklung, unserer Sinnsuche ist es doch das wichtigste überhaupt, zu verstehen, dass zum Leben Licht und Schatten dazugehören. Und Höhepunkte sowie Tiefpunkte, Freude sowie Traurigkeit. Und Tage voller Energie genauso wie Tage voller An-die-Decke-Starren. Und Honigkuchenpferde genauso wie innere Dämonen. Wenn wir das dann verstanden haben, dann können wir das Leben annehmen. Und vielleicht auch uns so annehmen wie wir sind. Und eventuell sogar ein bisschen erleuchteter sein. Und es dann vor allem endlich auch okay finden, auch mal nicht okay zu sein.

Manchmal ist einfach nichts in der Mitte. Da fehlt jedes Gleichgewicht, um überhaupt eine Mitte zu finden. Da weiß ich nicht, wo oben und unten ist. Es geht mir nicht gut, ich will nicht rausgehen, nicht darüber reden und auch nichts dagegen tun. Aber wenn ich weiß, dass das okay ist, dann kann ich irgendwann auch wieder selbst okay sein. Und dann vielleicht sogar darüber schreiben.

Ich bin hochsensibel und du?

Die Autos sind heute irgendwie lauter als sonst. Und so schnell, viel zu schnell. Der Fahrtwind bläst mich fast um. Die Gedanken in meinem Kopf und die Autos neben mir scheinen sich in ihrer Geräuschkulisse gegenseitig übertreffen zu wollen. Mein Kopf brummt. Viel zu laut. Ohne, dass ich es wirklich beabsichtige, werden auch meine Schritte schneller. Meine Sicht verschwimmt. Viel zu viel. Als ich die Tür zur Wohnung aufschließe, lasse ich alles fallen, auch mich. Hier ist es still, aber die Geräusche in meinem Kopf hallen nach. Ein Blick auf mein Handy verrät mir, dass einige Menschen auf eine Reaktion von mir warten. Aber ich kann nicht. Ich kann einfach nicht, meine Finger wollen nichts tippen, meine Augen kein Bildschirmlicht sehen und meine Gedanken in alle Richtungen fliegen, aber sich keine Antworten überlegen. Also schmeiße ich das Handy in die Ecke, schließe meine Augen und lass endlich alles um mich ruhiger und langsamer werden.

So kann es sich anfühlen, hochsensibel zu sein. Aber auch ganz anders. Manche Sinne können schneller überfordert sein als andere. Manche Situationen können anstrengender sein als andere. Auf manche Reize kann stärker reagiert werden als auf andere. Hochsensibilität ist total individuell. Aber halt: Weißt du überhaupt, was Hochsensibilität ist?

Hochsensibilität ist eine versteckte Superpower im Mantel einer Überforderung

Sensibel zu sein bedeutet, empfänglich zu sein für Stimmungen, Kritik, Emotionen und insgesamt äußere Reize und auch mal empfindlich darauf zu reagieren. Ist diese Sensibilität besonders stark ausgeprägt, kann man von Hochsensibilität sprechen. Dann werden äußere Reize noch intensiver wahrgenommen, die Reaktion darauf ist noch stärker und die Verarbeitung noch tiefer. Das bedeutet, Menschenmassen, Lärm oder eine Flut an Nachrichten können ganz schön überfordernd sein. Aber: Positive Reize werden genauso intensiv wahrgenommen. Ein wunderschöner Ort in der Natur, ein Gemälde oder ein toller Moment mit Freund*innen kann also noch mehr ausgekostet werden. Häufig ist auch große Empathie verbunden mit Hochsensibilität. Die kann dann sogar so groß sein, dass die Stimmung und Emotionen eines anderen Menschen adoptiert und selbst gefühlt werden. Das ist, wie du dir denken kannst, Fluch und Segen zu gleich. Deshalb bezeichne ich Hochsensibilität als Superpower im Mantel einer Überforderung. 

Hochsensibel zu sein ist wie besonders lange, trainierte Fühler zu haben, die anderen den Mantel ausziehen, den sie sich übergezogen haben, um ihre Emotionen zu verhüllen. Wie Fühler, die direkt die Stimmung in Situationen und deren Schönheit aufspüren sowie allerlei Einflüsse aufsaugen. Weil all diese Einflüsse erst einmal verarbeitet werden müssen, kann das erst einmal stressig und überfordernd sein. Aber die Hochsensibilität kann natürlich auch genutzt werden, um anderen zu helfen oder wirklich schöne Momente zu erleben.

Was ist falsch mit mir?

In einem Interview der Apotheken Umschau sagte die Psychologin Dr. Sandra Konrad, dass etwa 15 bis zu 30 Prozent der Bevölkerung hochsensibel seien. Doch viele wissen gar nicht davon. Viele fühlen sich ihr Leben lang irgendwie anders und damit häufig falsch. Sie wundern sich, warum sie ständig so schlapp und müde sind, nachdem sie viel Zeit mit anderen Menschen verbracht, eine Veranstaltung besucht oder einen ganz „normalen“ Tag in der Stadt verbracht haben. Hochsensibilität geht auch häufig mit Introversion einher. Introvertierte Menschen tanken Energie im Alleinsein und der Ruhe ohne Einfluss von außen – Situationen wie die genannten kosten sie dagegen eher Energie. Das gilt so ähnlich auch für hochsensible Menschen, die aufgrund ihrer intensiveren Reizaufnahme ebenfalls regelmäßig Ruhe und Zeit ohne viele Reize brauchen.

Als ich das erste Mal von Hochsensibilität gehört habe, ratterte es in meinem Kopf. Aber nicht wie sonst, wenn ich mich fragte, warum ich zu manchen Dingen einfach nicht in der Lage war und mich darüber ärgerte. Die Gedanken, die in diesem Moment durch meinen Kopf flogen, waren irgendwie positiver und wie lauter kleine „Ahas“, die als kleine Lichtkugeln das Wirrwarr lösten. Da waren plötzlich mehr freundliche Ausrufezeichen als drängelnde Fragezeichen. Da waren nicht länger Fragen, sondern endlich Antworten. Was jetzt vielleicht so dramatisch klingt, war schlichtweg eine Erkenntnis, die mich um ein paar Selbstzweifel erleichterte und mir stattdessen eine gewisse Sicherheit schenkte.

Es ist leichter, wenn man den Grund kennt

Und weil ich genau weiß, wie es sich anfühlte, sich falsch zu fühlen, möchte ich – wie zum Glück auch viele andere in den sozialen Medien – dafür sorgen, dass mehr Menschen von Hochsensibilität erfahren und damit das Wirrwarr in ihrem Kopf lösen können. Schließlich geht es dabei nicht nur darum, mehr Selbstsicherheit zu gewinnen, sondern auch, aufgrund dieser Erkenntnis neue Grenzen setzen und für mehr Wohlbefinden sorgen zu können. Und zu erkennen, dass sich eigentlich eine Superpower dahinter versteckt. Seitdem ich weiß, dass ich womöglich einfach sensibler auf Situationen reagiere als andere und Reize ungefilterter und intensiver aufnehme, lege ich mein Handy regelmäßiger weg, entziehe mich der gefühlten Pflicht, reagieren zu müssen, nehme mir noch viel bewusster Zeit nur für mich – auch wenn ich damit nicht immer auf Verständnis stoße – und kommuniziere, wenn mir etwas zu viel wird.

Du musst dich nicht ständig ausgelaugt und überfordert fühlen. Du musst dich nicht als schlechte*r Freund*in fühlen, wenn du gerade einfach nicht auf eine Nachricht oder einen Anruf reagieren kannst. Du musst nicht auf große Veranstaltungen, wenn du danach einen ganzen Tag Ruhe brauchst und sie so gar nicht genießen kannst, nur weil alle hingehen. Du musst den Samstagabend nicht mit Freund*innen verbringen, wenn der Tag in der Stadt schon anstrengend genug war. Du musst dich nicht selbst dafür fertig machen, wenn du von deinem Heimweg entlang der großen Straße total fertig bist. Du musst sowieso gar nichts, wenn dir nicht danach ist. Aber ich weiß, dass es immer ein bisschen leichter ist, Nein zu sagen, wenn man genau weiß, warum man nicht will und was man stattdessen viel lieber tun würde.

Mein Wert ist meine Sache

Draußen sitzt ein Mann, der sich mit jemandem unterhält, der gar nicht da ist. Zumindest für meine Augen nicht. Und für die der Kellnerin auch nicht, wie es scheint, weil sie verwundert nach draußen sieht. Er lacht dabei und scheint irgendwie glücklich. Vielleicht ist es ein alter Freund, den er lange nicht gesehen hat. Er hat viel Gepäck dabei, vielleicht ist er auf der Durchreise und trifft sich auf einen Kaffee zum Quatschen. Die ihn kurz verdutzt dreinblickenden Passant*innen nimmt er gar nicht wahr. Er ist ganz bei sich, seinem Kaffee und seinem Gegenüber. Und ich stelle mir die Frage:

Ist es nicht egal, wie verquer wir alle sind, solange wir glücklich dabei sind?

Wir beurteilen gerne die, die aus der Norm fallen, und fühlen uns gleichzeitig selbst häufig irgendwie falsch und nicht dazugehörig. Und manchmal hängt das zusammen. Dann fühlen wir uns selbst nicht richtig und werten andere ab, um uns aufzuwerten. Um uns irgendeinen Grund zu liefern, warum wir doch gar nicht so blöd sind. Ich könnte mir hier sitzend nun also denken, dass der Typ da draußen ja ganz schön einen an der Waffel hat und es bei mir immerhin noch nicht so weit ist, dass ich mit unsichtbaren Menschen rede. Aber alles, was ich mir denke, ist: Und wenn er doch glücklich dabei ist?

Damit möchte ich nicht sagen, dass ich besser bin als die, die mit der Verurteilung anderer ihr Selbstwertgefühl aufpolieren. Hab ich vermutlich schon unzählige Male genauso gemacht. Doch ich möchte weiterdenken. Weiter als „Die ist schlecht, also bin ich gut“. Weil das – wenn es uns denn irgendwann bewusst wird – augenscheinlich weder nachhaltig gut für mich noch für eine Gemeinschaft ist. Ich möchte heraus aus diesem Kreislauf, in dem miese Gedanken über andere miese Gedanken über mich selbst ablösen und Gefühle wie Selbstsicherheit und Erhabenheit mit Gefühlen wie Einsamkeit und Unsicherheit fangen spielen. Weil dieser Kreislauf schon lange nicht mehr und im Grunde noch nie gesund war, nicht für mich und auch für niemanden sonst.

Mein Glück ist hier

Also schaue ich noch eine Weile dem Mann draußen zu. Nicht aus dem Grund, um ihn auszulachen, sondern um von ihm zu lernen. Wenn ich ihn nicht verurteile, ja gar nicht erst beurteile, ändert das rein gar nichts an meinem Wohlbefinden. Und das ist gut so. Ich bleibe schlichtweg weiterhin hier sitzen mit meinen Gedanken über mich selbst. Ich bin hier und er da draußen. Mein Glück ist hier und seins da draußen. In diesem Moment übernehme ich die Verantwortung für mich selbst und schiebe sie nicht länger denen, die noch mehr falsch als ich zu sein scheinen, in die Schuhe. Nicht die bestimmen, wie ich über mich selbst denke, sondern ich. Niemand kann etwas an meinem eigenen Wert verändern – und noch nicht einmal ich selbst. Aber es ist an mir, ihn zu erkennen.

Niemand kann etwas an meinem eigenen Wert verändern.

So ist das mit dem Selbstwert. Wir alle sind etwas wert, wir sind bereits wertvoll auf diese Welt gekommen. Ohne, dass wir irgendetwas geleistet haben oder irgendwie gewesen sind. Unseren Wert haben wir einfach inne. Punkt. Doch irgendwann beginnen wir, Überzeugungen, wie wir zu sein und was wir zu tun haben, anzunehmen und die Sicht auf selbst verändern zu lassen. Diese Überzeugungen und die Erfahrungen, die wir sammeln und die uns zeigen, dass wir doch nicht richtig sind, legen sich Schicht für Schicht um unser Herz und vergraben unseren Wert unter sich. Es ist also kein Wunder, dass wir ihn irgendwann vergessen. Unser schlaues Köpfchen kramt dann aus seiner Trickkiste Tricks heraus, wie etwa den Wert anderer gedanklich zu schmälern, um uns selbst zu beweisen, dass wir zumindest im Gegensatz zu ihnen schon irgendwo etwas wert sind.

Und wenn wir uns dessen nicht irgendwann bewusst werden – sei es durch das Lesen von Büchern zu Persönlichkeitsentwicklung, den Besuch von Seminaren oder Vipassanas oder kurze Momente wie diese -, schwirren wir unser Leben lang unbewusst in diesem trickreichen Kreislauf.

Solange ich glücklich bin

Ich bewundere die Tricks meines Köpfchens, aber ich durchschaue sie langsam. Zumindest den ein oder anderen, denn mein Köpfchen ist nach wie vor schlauer als ich. Und auch die Schichten um mein Herz möchte ich aufbrechen, um mir meines Wertes bewusst zu sein und meine Verantwortung nicht länger abzugeben. Um zu erkennen, dass ich so verquer sein kann wie ich will, solange ich glücklich bin. Und dass ich glücklicher sein kann, indem ich mich an meinen Wert erinnere. Und dass der Mann da draußen ebenfalls so verquer sein kann wie er will, wenn er doch glücklich ist. Und das rein gar nichts mit mir zu tun hat.

Wie ein Fähnchen im Wind

Ich stelle den Wecker um 6 Uhr, damit ich meditieren und Yoga machen und dann um 9 Uhr das Arbeiten anfangen kann. Ach, ich fange einfach erst um 11 Uhr an und arbeite abends länger, ist auch okay. Ja, ich bin zufrieden damit, von zu Hause aus zu arbeiten. Ach, ich könnte mir auch einen Platz in einem Coworking Space mieten. Ich werde weniger auswärts essen, ich gebe wirklich zu viel Geld dafür aus. Ach, im Café bin ich einfach kreativer und abends Essen zu gehen ist so ein schöner Tagesabschluss. Du findest, wir sollten uns nicht mehr sehen, weil wir uns nicht guttun? Du hast recht. Ach, aber gegen ab und zu unverbindlich treffen ist doch nichts einzuwenden, oder?

Ich bin ein Fähnchen im Wind. Eines, das sich für keine Richtung festlegt. Das mal hierhin und mal dorthin weht. Das sich von außen beeinflussen lässt. Dabei würde ich so gerne nur noch in die Richtung wehen, die mir entspricht. Welche das ist? Keine Ahnung. So wie ich als Kind möglichst schnell erwachsen sein sollte, so sehne ich mich jetzt danach, eine Richtung für mich zu finden und mich darauf festzulegen. Es kann mir nicht schnell genug gehen. Doch dabei vergesse ich, dass es ein Prozess ist, eine Entwicklung, ein Weg. So wie alles.

Manche Antworten kenne ich, andere nicht

Manche Antworten habe ich bereits gefunden. Zum Beispiel, dass ich mich vegetarisch ernähren möchte, um meiner Umwelt und den Tieren, unseren ebenbürtigen Mitbewohner*innen, eine Chance zu geben. Oder auch, dass ich mich für mehr Körperliebe, Vielfalt und Gleichberechtigung in der Gesellschaft einsetzen möchte. Ich habe Themen gefunden, für die ich brenne, und Werte, für die ich einstehe. Ich habe Verhaltensweisen gefunden, die ich gerne behalten oder mir aneignen möchte. Und ich habe manches Ziel für mich definiert, das ich gerne erreichen möchte – nicht des Erfolges, sondern meiner Träume wegen.

Wie werde ich vom Fähnchen im Wind zum Felsen in der Brandung, der allen Stürmen trotzt?

Doch viele Antworten kenne ich noch gar nicht. Und das macht mich ungeduldig. Ich bin ein Fähnchen im Wind, das keines sein will. Viel lieber will ich einen Plan haben, Bescheid wissen und klipp und klar Entscheidungen treffen. Ich will in jedem Moment eine klare Meinung vertreten anstatt zu zweifeln, zu schwanken und unsicher zu sein. Ich muss noch nicht das Ende kennen, aber zumindest die Richtung. Ich muss noch nicht wissen, wo ich in einem Jahr bin, will aber überzeugte Schritte dorthin gehen. Aber wie schaffe ich das? Wie werde ich vom Fähnchen im Wind zum Felsen in der Brandung, der allen Stürmen trotzt?

Ein fuß vor den anderen

Ich werde es lernen. Indem ich einen Fuß vor den anderen setze, mal vorsichtig die Zehen vorstrecke und mal mutig auf den Boden stampfe, und meinen Weg finde. Indem ich eine Abzweigung nehme, die sich als Sackgasse entpuppt, und wieder umkehre. Indem ich über Hindernisse falle und mich mal schneller und mal langsamer wieder aufrapple. Indem ich immer weitergehe und dabei das Vertrauen nicht verliere, dass sich alle Antworten finden werden. Ich werde mit jedem Schritt dazulernen und mit jedem Schritt trittsicherer. Ob ich jemals ein steinharter Felsen werde, den nichts mehr umhaut, weiß ich nicht. Vom Fähnchen zum Felsen ist es ein weiter Weg. Vielleicht werde ich irgendetwas dazwischen, das nicht mehr nur flattert, sondern seine Richtung kennt, seine Meinung hat und trotzdem schwanken und sich umentscheiden darf.

We dance inside the storm.

Sam Garrett

Im Nachhinein betrachtet habe ich einiges in meiner Kindheit und Jugend verpasst, weil ich so unbedingt erwachsen sein wollte. Ich möchte nicht, dass es mir später noch einmal ähnlich geht, wenn ich zurückblicke und feststelle, dass ich den Weg gar nicht genossen habe – nur aus dem dringenden Bedürfnis heraus, fest zu stehen anstatt zu flattern. Sam Garrett singt „We dance inside the Storm.“ Das fasst es für mich zusammen. Ich gehe diesen Weg und tanze dabei. Und finde so immer tiefer in den Sturm hinein, wo ich mich umentscheide und schwanke, bis ich irgendwann im Inneren des Sturms angekommen bin, wo es ganz still ist. Und ich tanze immer weiter und lerne dabei und finde meine Antworten. Und bin dabei nicht länger ein Fähnchen im Wind, sondern einfach ich selbst.

Bild: Unsplash

Erfülltes Herz vs. ängstlicher Verstand

Wenn ich schreibe, dann tanzt mein Herz. Wenn ich eigene Geschichten aufschreibe, wenn ich Menschen mit meinen Worten bewegen und bestärken kann, wenn ich Texte in Magazinen veröffentlichen darf, wenn ich an der Gestaltung und Umsetzung eines ganzen Magazins mitwirken darf. Es erfüllt mich mit Freude, Leidenschaft und ganz viel Dankbarkeit. Beim Schreiben, Konzipieren, Kreativsein und später dann Veröffentlichtes in den Händen Halten empfinde ich eines der wundervollsten Gefühle der Welt. Besser könnte es also gar nicht sein, oder?

Und trotzdem zweifle ich. An mir und meinen Fähigkeiten. An meinen Leistungen. An meinen Entscheidungen. Am großen Ganzen. Trotzdem schäme ich mich manchmal für mein Einkommen. Trotzdem bin ich manchmal unsicher, wenn ich anderen von erzähle. Trotzdem fühle ich mich manchmal klein und unbedeutend.

Es kriselt

So steht mein erfülltes Herz nicht selten meinem ängstlichen Verstand gegenüber. Es kriselt zwischen den beiden, die flimmernde Spannung ist beinahe zu sehen. Zu spüren ist sie allemal, irgendwo in mir zwischen Brust und Hals. Es ist als könnte ich die ganze Welt umarmen, im letzten Moment jedoch gebremst und von einer unsichtbaren Macht zurückgehalten werden. Mein ängstlicher Verstand sperrt mich in einen Käfig aus Sorgen und Zweifeln. Lieber nicht, sagt er. Lieber nicht zu wohlfühlen mit dem Schreiben, sagt er. Lieber nicht auf die Erfüllung bauen und dankbar sein. Ist doch viel zu unsicher und trügerisch, wirft doch viel zu wenig ab, ist doch nichts mit Zukunft. Mein Herz ist laut und quirlig, aber mein Verstand weiß es zu übertönen mit seinem gemäßigten, aber sehr bestimmten, vernunftgesteuerten Ton.

Und dann sitze ich da. Mit angespannter Brust, Konflikt in mir und unsichtbarem Käfig um mich. Und komme nicht vor und nicht zurück. Außen bewegungslos, innen voller fliegender Gedankenfetzen und verwirrter Gefühle. Mein Herz und mein Verstand spielen Ping Pong in mir und ich bin ihnen scheißegal.

ein käfig dient mir nicht

Nein, natürlich weiß ich, dass das nicht stimmt. Mein Verstand wünscht sich Sicherheit, mein Herz nichts sehnlicher als Erfüllung und beide meinen es gut mit mir. Da sprechen zwei Stimmen in mir, die beide ihre Berechtigung haben. Und letztendlich ist es an mir, mich zu entscheiden, welcher Stimme ich folge. Mit jeder Situation neu. Irgendwie ist das auch toll. Ich selbst habe die Power, immer wieder neu zu wählen. Möchte ich mich gerade in erster Linie vernünftig entscheiden, um mich sicher zu fühlen, oder möchte ich auf mein Herz hören, um erfüllt zu sein? Auch wenn ich ein absoluter Herzmensch bin und meinen Verstand mit seiner Vernunft, seinen Sorgen und seinen Zweifeln die meiste Zeit einfach nur rausschmeißen möchte, erkenne ich seinen Zweck.

Doch ich möchte lernen, seine Stimme auch wirklich leise drehen zu können in den Momenten, in denen ich mich für mein Herz entscheide. Denn ein Käfig dient mir nicht. Nie, um genau zu sein. Es ist wichtig für mich, seine unsichtbaren Mauern ein für alle Mal einzureißen, um das tun zu können, was ich wirklich möchte. Um meine Gedanken und Worte in die Welt hinausschreien zu können, um zeigen zu können, wer ich bin und was ich kann, um noch mehr Ideen überhaupt entstehen lassen zu können. Nur ohne Grenzen haben meine Gedanken auch den Platz, den sie verdienen, um zu wachsen und größer und irgendwann zu Visionen zu werden. Und sind sie dann Visionen, sprechen immer noch zwei Stimmen in mir. Aber das ist gut so. Denn meine Visionen erfüllen mein Herz und halten meinen Verstand instand. Nur das Schreiben lässt mich leben.

Das mit dem Glauben an mich selbst

Ich glaube an die Liebe. Ich glaube nicht an Gott. Ich glaube an Energien. Ich glaube nicht an Zufälle. Ich glaube, dass ich hier bin, um mein Talent so einzusetzen, dass ich anderen damit helfe. Ich glaube nicht, dass es nur eine Wahrheit gibt. Ich glaube, dass wir alles in uns haben, um Großes zu erreichen. Ich glaube nicht, dass Träume zu groß sein können.

Manchmal sagen wir „glauben“, obwohl wir „wissen“ meinen. Vielleicht aus Unsicherheit. Wir streuen das Wort beinahe inflationär in unsere Sätze und glauben damit ganz schön viel. Nur nicht an uns selbst. Mit dem Glauben an sich selbst ist der Glaube an die eigenen Fähigkeiten, die eigene Stärke, die eigene Daseinsberechtigung gemeint. Doch stattdessen glauben wir, nicht genug zu sein, zu dick oder zu dumm zu sein, zu faul oder zu verbissen, zu alt oder zu groß. Davon sind wir so felsenfest überzeugt, dass wir glauben, es zu wissen. Unserem Glauben zufolge sind wir vieles, aber niemals genug. Und wenn ich von „wir“ spreche, dann schließe ich mich ein.

Was ich darüber gelernt habe

Ich dachte, ich könnte das inzwischen. Das mit dem an mich Glauben. Immerhin habe ich zig Ratgeberbücher gelesen, Podcasts gehört, Online-Kurse gemacht, regelmäßig meditiert, reflektiert und darüber geschrieben. Doch es gibt sie immer wieder: die Momente, in denen der einzige gefestigte Glauben über mich, ja das beinahe schon Wissen ist, dass ich nichts kann. Wenn sich kleine Fehltritte und negative Kritik häufen und ich den Kritiker*innen sofort mehr Glauben als meinen Fähigkeiten schenke. Oder wenn ich mich konsequent ablenken lasse und nichts auf die Reihe bekomme. Oder ich anderen bei ihren Erfolgen zusehe. Hach ja, wie ich sie liebe, diese Momente. Dabei fühle ich mich immer so richtig gut und frei und energiegeladen und selbstbewusst. Nicht.

Aber was ich inzwischen weiß, ist, warum sich gerade dieser Glauben bei mir als Wissen einschleicht. Und zwar hat er sich schon vor langer Zeit gefestigt. So wie bei vielen von uns, so wie bei dir vielleicht auch. Ich wurde in meiner Kindheit für meine Fehler geschimpft, meiner Empfindung nach unverhältnismäßig doll. Dafür möchte ich niemandem einen Vorwurf machen. Aber ich weiß inzwischen, dass mich die „Bestrafung“ für meine Fehler nachhaltig verletzte und den Glauben entstehen ließ, nicht gut genug zu sein und keine Fehler machen zu dürfen. Und es ist gut, dass ich das weiß. Denn das Bewusstsein darüber nimmt dem Glauben etwas von seiner Felsenfestigkeit.

warum ich darüber schreibe

Inzwischen bin ich mir dessen nicht nur generell bewusst, sondern bemerke es in der Situation selbst. Ich entlarve den sich als Wissen verkleideten Glauben und den dazugehörigen Strudel aus Selbstzweifeln, in den ich dann gerne gerate. Und wie wir alle wissen, ist der erste Schritt zur Veränderung die Erkenntnis. In meinem Notizbuch reihen sich Seiten an Seiten, auf denen ich immer ähnliche Szenarien beschreibe: Ich befinde mich mitten im Strudel von Überzeugungen über mich selbst – eine fieser als die andere – und verzweifle bei meinen vergeblichen Versuchen, herauszuklettern. Das mag für den Leser nicht besonders spannend scheinen, hat mir jedoch dabei geholfen, zu reflektieren und meine Muster zu erkennen. Vielleicht hilft es dir ja auch.

Warum ich dann auch noch hier darüber schreibe? Weil ich nicht nur glaube, sondern weiß, dass sich viele von uns in ähnlichen Strudeln gefangen sehen, auch wenn sie es vielleicht nicht als solche wahrnehmen. Und deshalb nutze ich meine Worte um euch, um dir zu sagen: Nur weil du glaubst, zu wissen, dass du nicht gut genug bist, ist das noch lange nicht die Wahrheit. Dein schlaues Köpfchen hat sich mit der Zeit allerlei Überzeugungen zurechtgelegt, um sich vor wiederholten Verletzungen zu schützen, und verkauft sie dir als Wahrheit, damit du sie beibehältst. Dabei ist die eigentliche Wahrheit: Du bist wundervoll und gut und stark genug, um das Risiko einzugehen und an dich selbst zu glauben. Kritiker*innen kommen und gehen und es werden nie alle gut finden, was du tust, und manche werden recht haben mit ihrer Kritik und du wirst daran wachsen und lernen, aber dabei immer schon gut genug sein.

Du bist genug so wie du gerade bist, weil du bereits alles in dir hast, um das zu tun, was dich erfüllen wird.

So wie auch ich gehst du deinen eigenen Weg, auf dem dir weder Schreiben noch Meditieren helfen müssen. Nur weil ich es so erzähle, muss es nicht für dich so gelten. Vielleicht bist du auch schon viel weiter und kannst mir noch etwas beibringen. Das, worum es mir hier geht, ist, offen und ehrlich zu sein, die eigenen Worte zu nutzen, um andere zu bestärken, aber eben auch, um eigene Schwierigkeiten zu kommunizieren, um überhaupt ein Gespräch zu ermöglichen, zu inspirieren und zu lernen. Denn ich glaube, dass es darum geht im Leben. Ich glaube es.