Vom Stillsein und anderen mutigen Sachen

Auf das Fensterbrett fallen Tropfen, die vorher am Fensterglas entlanggeflossen sind. Ich schaue ihnen zu und die Gedanken in meinem Kopf fließen ähnlich langsam aber stet. Ansonsten ist es still. Und die Stille auch gleichzeitig das, was mich am meisten beschäftigt. Denn mit meiner eigenen Stille konnte ich lange nicht umgehen. Ich lehnte mich selbst dafür ab, leise zu sein. Dabei ist Leisesein mein natürlichster Zustand.

Ich bin leise, wenn jemand spricht. Ich höre lieber zu als selbst zu erzählen. Ich bin auch leise, wenn niemand spricht und kann Stille gut aushalten. Ich denke viel im Stillen, spreche aber nicht alles laut aus. Im Stress bleibe ich leise. Ich brauche viel Ruhe und dafür nur mich selbst. Um Energie zu tanken, bevorzuge ich Stille anstatt Gesellschaft. Ich liebe Plätze in der Natur, an denen die lautesten Geräusche wehende Blätter, plätscherndes Wasser und Vögel sind. Und wenn ich von all dem genügend habe und all das sein darf, dann kann ich auch wieder die Musik aufdrehen und mich in die Lärmkulisse der Stadt werfen.

Leise und damit falsch

Gespürt habe ich das schon immer. Aber so richtig anerkennen und vor allem akzeptieren wollte ich es nie. Weil unsere Gesellschaft nach den Lauten fragt. Die Lauten bekommen die Jobs, werden im Fernsehen gezeigt und dienen als Vorbilder. Sie bekommen die volle Aufmerksamkeit. An Aufmerksamkeit mangelt es vielen Leisen zwar nicht, weil sie gar nicht das Bedürfnis danach verspüren. Doch das Bedürfnis nach Anerkennung haben auch sie, haben wir alle.

Und die fehlt uns Leisen häufig. Wenn wir im Schulunterricht, im Assessment Center oder in der Abteilung nicht dafür anerkannt werden, wer wir sind und was wir leisten. Weil wir es nicht rausbrüllen, sondern mit Bedacht mitteilen. Weil wir uns zurückziehen, um über Lösungen nachzudenken. Und dann untergehen zwischen denen, die ihr Ergebnis schneller und lauter präsentieren.

Als Jugendliche – als ich mich selbst nicht leiden konnte und das Wichtigste war, dazuzugehören – hatte ich sehr damit zu kämpfen, „irgendwie anders“ zu sein. Denn wenn nur die Lauten überall präsent sind, fühlt man sich als Leise so anders und damit falsch. Man denkt, man müsse laut sein, um „richtig“ zu sein. Und ja unbedingt „richtig“ sein, um dazuzugehören. Ich wusste nicht um die Persönlichkeitsmerkmale Intro- und Extraversion und Hochsensibilität. Ich wusste nicht, dass es vielen so ging und es okay war. Alles, was ich wusste, war, dass ich mich anpassen musste, um ein Teil der Gesellschaft zu sein.

wir brauchen unseren mut für anderes

Im Umkehrschluss brauchte ich also eine Menge Mut, leise und damit so zu sein wie ich bin. Denn es birgt das Risiko, anzuecken, kritisiert und nicht akzeptiert zu werden. Das zu erkennen stimmt mich immer etwas traurig. Ist es nicht verrückt, dass es mich Mut kostet, ich selbst zu sein? Und ich weiß, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht. Es sollte nie und nirgends so sein, dass Menschen mutig sein müssen, um sie selbst zu sein.

Natürlich ist Mut etwas tolles. Häufig hätte ich gerne etwas mehr davon. Wenn ich ihn suche, finde ich ihn meist ganz hinten in einer Ecke tief in Sicherheit und Komfortzone gewickelt. Aber wenn ich ihn gefunden habe, möchte ich ihn viel lieber dafür nutzen, mir ein selbstbestimmtes und wundervolles Leben zu erschaffen. Und nicht dafür, um in diese Muffinform der Gesellschaft zu passen. Denn im Grunde fühlt, denkt und tut niemand von uns immer und ausschließlich das, was den Idealen dieser Gesellschaft entspricht. Wir alle fallen aus der Form, wir alle quellen an der ein oder anderen Stelle heraus. Und wir alle sind so unglaublich schön dabei.

Inzwischen weiß ich das. Und ich weiß, dass ich leise sein darf. Dass das viele Stärken mit sich bringt und ich so wie ich bin dazugehöre. Doch ich würde lügen, würde ich behaupten, immer vollkommen leicht und unbeschwert ich selbst sein zu können und dafür keinen Mut mehr zu brauchen. Ich muss mich immer noch hin und wieder dafür rechtfertigen, leise zu sein und Ruhe zu brauchen.

Und solange das so ist, werde ich weiter darüber schreiben.

Foto: UNSPLASH

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