Wie ich meinen Rucksack voller Vorwürfe ausmistete

Möglicherweise weißt du es nicht, vielleicht bist du dir dessen gar nicht bewusst, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass auch du jede Menge Vorwürfe gegen dich selbst mit dir herumträgst. Warum ich das glaube? Weil wir das alle tun. Und zwar kommen wir alle mit einem kleinen Rucksack auf die Welt. Bei unserer Geburt ist er winzig klein, kaum zu sehen, beinahe unsichtbar und leer. Doch im Laufe unseres Lebens füllen wir ihn. Mit Erlebnissen und Erfahrungen, mit Überzeugungen und Träumen, von denen viele häufig gar nicht unsere eigenen sind. Denn als junge Menschen saugen wir alles um uns herum auf und besonders das, was unsere Eltern und Vorbilder uns erzählen. Und wir füllen ihn mit Vorwürfen, gegen andere und uns selbst.

An sich ist dieser Rucksack wundervoll, weil wir in ihm unsere Erinnerungen transportieren und immer wieder herausholen können. Und weil wir auf all die Erfahrungen, negativ und positiv, zurückgreifen und dadurch lernen und wachsen können. Das ist toll. Aber leider wiegen gerade und vor allem die negativen Überzeugungen und Vorwürfe, die uns nicht nutzen sondern bremsen, besonders schwer. Das sind Sätze wie „Das kann ich nicht“, „Ich bin nicht schön genug“ oder „Ich bin viel zu faul und zu undiszipliniert“. Sätze, die so schwer auf unseren Schultern wiegen, dass sie uns am Tanzen hindern, uns Energie rauben und uns in die Knie zwingen und damit klein halten. Sie sind es, die uns innerlich blockieren und davon abhalten, unsere Träume zu verwirklichen und das Leben zu leben, das wir uns heimlich wünschen.

Na, weißt du jetzt, wovon ich spreche, und stimmst mir zu, dass auch du das kennst?

Es ist an der zeit, auszumisten

Weil ich mir dieses Rucksacks schon einige Zeit bewusst bin, stellte sich mir die Frage, wie ich diesen ganzen schweren Kram loswerden und Platz schaffen konnte für die Überzeugungen, die mich weiterbringen, und die Träume, die mich wirklich glücklich machen. Also kramte ich in der Kiste guter Ratschläge, die sich ebenfalls über die Jahre mit mal mehr, mal weniger Hilfreichem gefüllt hatte, und stieß auf den Satz: Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Und der passt ja irgendwie immer.

Also entschied ich mich dazu, mir erst einmal den kompletten Inhalt meines Rucksacks vor die Füße zu kippen und anzuschauen. In Sekundenschnelle war ich von Staub umhüllt und bekam einen riesigen Hustenanfall. Nice. Aber kein Wunder, manches befand sich einfach schon über 20 Jahre darin. Den ein oder anderen Traum konnte ich so wie er war in die Tonne klopfen, weil er seine Haltbarkeit bei weitem überschritten hatte. Ja, und dann stand ich da vor einem Berg voller negativer Überzeugungen über mich und das Leben, Vorwürfen gegen mich selbst und auch gegen andere, die ich jahrelang mit mir herumgetragen hatte, mir jedoch nie bewusst darüber gewesen war. Jetzt war die Zeit gekommen, mir alles einzeln und ganz genau anzusehen, um mir endlich bewusst zu werden. Denn Erkenntnis = Bewusstsein.

Was ich erkannte

Da waren Sätze dabei wie „Ich bin nicht gut genug“, „Ich bin zu faul“ oder „Ich muss das alleine schaffen“. Was ich beim Aussortieren auch lernte: Jeder dieser Sätze basierte auf Erfahrungen, die mich so nachhaltig geprägt hatten, dass sich Überzeugungen daraus geformt hatten. Überzeugungen, die mich wiederum davon abgehalten hatten, dieselben, meist auf irgendeine Weise schmerzhaften Erfahrungen noch einmal zu machen, und somit als Schutzschild gedient hatten. Ich konnte ihnen also noch nicht einmal richtig böse sein. Und trotzdem wusste ich ja, wie und wovon sie mich die vergangenen Jahre davon abgehalten hatten. 

Nachdem ich alle Glaubenssätze und Überzeugungen vor mir mal umgedreht und hin- und hergeschoben hatte, sortierte ich aus. Das war nicht schwer. Schließlich erkannte ich, wie sie da so vor mir lagen, sehr schnell, welche mich weiterbrachten und welche nicht. Ich machte zwei Stapel. Doch der schwierige Part wartete ja noch auf mich: das Entsorgen und Loslassen des „schlechten“ Stapels. So sehr ich es versuchte, ich schaffte es nicht. Ich ließ Zeit vergehen und füllte meinen Rucksack währenddessen mit neuen, kraftvollen Sätzen. Ich übte sie jeden Tag ein, doch der Stapel im Eck schlich sich immer wieder in meine Gedanken und versuchte dort, wieder und wieder Negatives unterzumischen.

Ein kleiner, feiner Trick

Irgendwann hatte ich genug. Das ein oder andere Projekt hatte ich inzwischen sausen lassen, weil der Stapel im Eck einfach zu laut wurde. Und vor allem die alten Vorwürfe, dass ich zu faul sei, zu leise, zu schlecht, zu dies und zu das, machten so Radau in meinem Kopf, dass ich nicht mal mehr schlafen konnte. Also knipste ich meine Nachttischlampe an, schnappte mir mein Notizbuch und schrieb. Und zwar eine Liste aus allen Vorwürfen, aber als Tatsachen formuliert. Zum Beispiel „Ich bin lieber alleine als unter vielen Menschen.“ oder „Ich schiebe Bürokratiekram vor mir her, weil ich Angst habe, etwas falsch zu machen.“ Das schmerzte. Und wie. Denn so wollte ich nicht sein, deshalb warf ich es mir ja tagtäglich vor. Es waren Eigenschaften und Verhaltensmuster, die ich ablehnte. Und jetzt standen sie da aufgelistet auf dem Papier vor mir.

Doch dann kam mir eine Idee. Ich trickste mich selbst aus und nannte die Liste „Was an mir okay ist“. Vielleicht ahnst du, welchen Effekt diese fünf Worte auf mich hatten. Es war verrückt, fast magisch. Diese Überschrift sortierte alles, was folgte, einfach in eine andere Schublade ein. Und zwar in die mit den Dingen, die okay sind an mir. Die ich zwar vielleicht (noch) nicht umarmen und lieben, aber zumindest akzeptieren kann. Schwupsdiwups war all dem der Schmerz und das Gewicht genommen. Ich fühlte mich irgendwie leicht und befreit, knipste das Licht aus und schlief so gut wie lange nicht.

Natürlich waren das lediglich die ersten, kleinen Schritte auf meinem Weg weg von den verpassten Chancen hin zur Verwirklichung meiner Herzenswünsche. Aber zumindest konnte ich den Weg von da an mit etwas leichterem Gepäck bestreiten. Falls also auch du mal keinen Bock mehr auf diese Last auf deinen Schultern hast, dir aber mit dem Loslassen schwertust, lege ich dir ans Herz, dich einfach mal selbst auszutricksen. Ja, vermutlich ist auch dein Gehirn so einfach gestrickt – zum Glück, denn so kannst du dich endlich mit leichterem Gepäck auf den Weg machen!

Bildquelle: Unsplash

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