Es ist okay, nicht okay zu sein

Nein, es geht mir nicht gut. Nein, ich will nicht lächeln. Nein, ich will auch nicht rausgehen. Nein, ich will nicht telefonieren. Nein, ich will jetzt auch keine Gute-Laune-Musik hören, nicht den herabschauenden Hund machen und auch erst recht nicht meditieren. Nein, ich will nicht all die düsteren Gedanken in meinem Kopf einfach wegscheuchen und so tun als ginge es mir blendend. Es geht mir einfach nicht gut. Aber das scheint nicht gut zu sein. Nicht einmal okay.

Mein Bauch tut weh und mein Kopf auch. Ich liege im Bett und schaffe es nicht, aufzustehen. Seit Stunden starre ich an die Decke und im Hintergrund läuft eine melancholische Indie-Playlist. Aber im Vordergrund sind meine Gedanken, laut und alles einnehmend und so grau wie die dicke Wolkendecke draußen. Neben mir liegen eine angebrochene Tafel Schokolade, eine halb geleerte Packung Erdnüsse, mein Handy, auf das ich lange nicht mehr geschaut habe, und eine Wärmflasche. Mein Notizbuch liegt da auch, aber von all den lauten Gedanken kriege ich keinen einzigen gefasst, um ihn aufzuschreiben. Dabei hilft mir Aufschreiben eigentlich immer. Aber in diesem Moment möchte ich gar keine Hilfe. In diesem Moment bin ich einfach nicht okay und möchte es auch nicht sein.

Es geht nicht um gefüllte Konten, sondern erfüllte Herzen

Dabei weiß ich gar nicht mehr so richtig, wie das eigentlich geht. Nicht okay zu sein. Ich habe es verlernt, weil ich selbst und andere etwas anderes von mir erwarten. Nämlich, dass ich doch bitte immer okay und noch mehr als das, nämlich zufrieden, erfüllt, glücklich und in meiner Mitte bin. Wir, ich eingeschlossen, reden davon, dass man sich selbst lieben muss, und davon, wie man wohl das große Glück findet. Wir reden von innerer Ausgeglichenheit, Zufriedenheit, Erfüllung und dem Weg dorthin. Wir wollen uns stetig weiterentwickeln, nicht stehen bleiben, dazu lernen, immer besser werden. Wir meditieren, schreiben Seiten in unseren Journals, sprechen Affirmationen, machen Yoga und besuchen Retreats. Wir lesen Ratgeber, schauen Livestreams auf Instagram und hören Podcastfolgen. Wir verteufeln „höher, schneller, weiter“ auf der vertikalen Achse, wollen aber umso größere Schritte auf der horizontalen Achse in Richtung Erleuchtung gehen. Und auf dem Weg dorthin gleichzeitig schon erfüllt sein. Uns geht es nicht um gefüllte Konten, uns geht es um erfüllte Herzen.

Aber was, wenn wir uns damit in die eigene Tasche lügen? Also in die bis oben hin mit happy feelings gefüllte Tasche. Wenn neben dem ständigen Streben nach Ausgeglichenheit und Erfüllung gar kein Raum mehr bleibt für das Leben, mit seinen schweren Phasen und schlechten Tagen und miesen Gefühlen? Wir tun gerne so als könnten wir, wenn wir denn nur wollen und an uns selbst und das Universum glauben, rund um die Uhr als grinsende Honigkuchenpferde herumlaufen. Als könnten wir auf der Suche nach dem Glück nichts anderes sein als glücklich. Und als wären wir selbst schuld daran und fast schon zu bemitleiden, wenn wir es mal nicht hinkriegen. Wenn dann aus Versehen doch mal miese Gefühle hochkommen und das Grinsen mit einer Träne unterbrochen wird, die nicht überschwänglicher Freude entstammt.

HOnigkuchenpferde und innere Dämonen

Im Grunde ist nichts daran besser als „höher, schneller, weiter“. Wir pressen uns in ein Korsett, in dem wir nicht nach Geld oder gesellschaftlich anerkanntem Erfolg streben, sondern nach Selbstliebe, Happiness und Erfüllung. Und dabei vergessen wir genauso das Leben wie die, die wie wild Karriereleitern hochklettern. Es ist schlichtweg der Versuch einer weiteren Generation, Zufriedenheit und einen Sinn zu finden. Und diesen Versuch unterstütze ich, weil auch ich meinen eigenen Weg suche, auf dem ich persönliche Erfüllung finde, und weil auch ich zufrieden sein möchte. Aber ich finde es gefährlich, alles Negative wegzulächeln und sich selbst und anderen gegenüber Druck aufzubauen, dass man schuld und schwach ist, wenn das Leben dann doch mal scheiße ist. Ich für mich empfinde es auch so, dass ich selbst in der Hand habe, wie ich mit schwierigen Phasen, schlechten Tagen und miesen Gefühlen umgehe. Aber gerade deshalb glaube ich, ist es wichtig, all dem auch eine Daseinsberechtigung zuzusprechen und Raum zu lassen und jeder/jedem seinen/ihren eigenen Umgang damit zu gewähren.

In all unserer persönlichen Weiterentwicklung, unserer Sinnsuche ist es doch das wichtigste überhaupt, zu verstehen, dass zum Leben Licht und Schatten dazugehören. Und Höhepunkte sowie Tiefpunkte, Freude sowie Traurigkeit. Und Tage voller Energie genauso wie Tage voller An-die-Decke-Starren. Und Honigkuchenpferde genauso wie innere Dämonen. Wenn wir das dann verstanden haben, dann können wir das Leben annehmen. Und vielleicht auch uns so annehmen wie wir sind. Und eventuell sogar ein bisschen erleuchteter sein. Und es dann vor allem endlich auch okay finden, auch mal nicht okay zu sein.

Manchmal ist einfach nichts in der Mitte. Da fehlt jedes Gleichgewicht, um überhaupt eine Mitte zu finden. Da weiß ich nicht, wo oben und unten ist. Es geht mir nicht gut, ich will nicht rausgehen, nicht darüber reden und auch nichts dagegen tun. Aber wenn ich weiß, dass das okay ist, dann kann ich irgendwann auch wieder selbst okay sein. Und dann vielleicht sogar darüber schreiben.

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