Ein Fest der Liebe ohne Liebe?

Tante Frida lässt den Jutebeutel sinken. Wie ist sie bloß auf die Idee gekommen, jetzt einkaufen zu gehen? Sie steht vor dem Supermarkt und schaut den Leuten dabei zu, wie sie hektisch ihren Mundschutz aufziehen, während sie sich einen Einkaufswagen nehmen – ja, bitte jede*r einen -, kurz mit dem Jackenärmel über den Griff wischen und sich ins Getümmel stürzen. Die Wägen füllen sich nicht nur rasant, weil niemand allzu schnell wieder hierher kommen möchte, sondern werden auch dazu benutzt, um sich den eigenen Weg rücksichtslos freizuräumen. Und jede*r, der/die zu lange überlegt, ob Raclettekäse wie immer oder mal ne Variante mit Camembert, wird zum Opfer aggressiver Wagenpatrouillen. Ein Mann stolpert verschwitzt und keuchend auf Tante Frida zu – er scheint es gerade noch so raus geschafft zu haben – und raunt: „Da würde ich nicht reingehen an Ihrer Stelle, die Schlange an der Kasse reicht bis zur Käsetheke. Aber weil die Menschen das nicht verstehen wollen, hab ich jetzt ein paar blaue Flecken am Allerwertesten. Die sind doch alle verrückt geworden.“ Tante Frida lacht kurz verlegen, obwohl ihr überhaupt nicht zum Lachen zumute ist, wirft sich den Jutebeutel wieder über die Schulter und macht kehrt. Und still und leise fragt sie sich, warum sich die Menschen dieses Weihnachten noch weniger liebevoll verhalten als sonst ohnehin schon.

Das Paket platzt aus allen Nähten. Jana versucht verzweifelt, es irgendwie mit Klebeband und Paketschnur, zusammenzuhalten. Sie muss schließlich in zehn Minuten bei der Post sein, weil die dann schließt und das Paket ansonsten nicht mehr rechtzeitig ankommt. Während sie es einmal komplett mit Klebeband einwickelt, füllen sich ihre Augen mit Tränen. Das Paket ist für ihre Oma, die sie dieses Jahr zum ersten Mal in ihrem Leben nicht an Weihnachten sehen wird. In Janas Familie haben sie sich darauf geeinigt, dass nur ihr Vater Oma im Altenheim besuchen wird. Außerdem wohnt ihre Familie drei Stunden von Jana entfernt, weshalb sie die Feiertage dieses Jahr mit der Familie ihres Freundes verbringt. Alles anders dieses Jahr, denkt Jana bei sich. Alles anders und alles irgendwie nicht gut. Sie wischt sich die Tränen von der Backe und schnäuzt einmal kräftig – mit Mundschutz geht das gleich immerhin eher schlecht.

Er legt auch noch die letzten Paar Socken wieder ordentlich aufeinander. Auch wenn es sich eigentlich gar nicht mehr lohnt, denn ab morgen bleibt sein Laden einmal mehr für drei Wochen geschlossen. Herr Weber hat heute noch kein einziges Mal aus Freude gelächelt. Das Lächeln, das er den Leuten entgegenbringt, die am Schaufenster seines kleinen Strumpfladens vorbeilaufen und hereinschauen, entsteht eher aus Gewohnheit als aus Freude. Die kommenden Tage wären vermutlich die lukrativsten des Jahres geworden – immerhin sind Socken nach wie vor ein beliebtes Last-Minute-Geschenk. Und selbst die Last-Minute-Käufer*innen schätzen Qualität, wie sie bei Herrn Weber zu finden ist. Er hat sogar Weihnachtssocken mit Tannenbäumen im Angebot und die beliebte, bunt gestreifte Version für den legeren Business Look. Doch auch die kann nichts daran ändern, dass er in drei Stunden ein letzten Mal alle Socken ordentlich aufeinander legen und dann die Tür seines Ladens hinter sich schließen wird. Ganz ohne vorfreudiges Lächeln wie sonst vor Weihnachten, als bereits alle Geschenke für seine Familie besorgt und ohne Bauchschmerzen bezahlt waren.

Wo ist die liebe geblieben?

Die Liebe scheint sich in diesen Tagen Urlaub genommen zu haben. Vielleicht bleibt sie wie alle anderen zuhause. Vielleicht steht sie an ihrem Fenster, lugt durch den Vorhang hinaus in die Dunkelheit und beobachtet die Menschen dabei, wie sie sich gegenseitig mit Abstand die Köpfe einschlagen, sich einsam fühlen, sich Sorgen machen. Und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, sie ziehe dann einfach den Vorhang wieder zu, lasse sich auf ihre Couch fallen und verkrieche sich unter ihrer Kuscheldecke. Und vielleicht bleibt sie dort sogar über Weihnachten. Womöglich hat auch sie die Schnauze voll und kurzerhand beschlossen, ihr eigenes Fest ausfallen zu lassen und alleine zuhause mit zu viel Gin zu verbringen.

Normalerweise liebt sie Weihnachten, wenn sie von allen gefeiert wird. Dann sitzt sie mit in Wohnzimmern und versteckt sich in Geschenken und Worten und Zeilen von Briefen an alte Bekannte. Ihr Lieblingsort ist dort, wo sich Menschen wahrhaftig begegnen und berühren. Doch dieses Jahr, wo zumindest die physischen Begegnungen und Berührungen ausfallen, fühlt sie sich weder gebraucht noch gefeiert. Da fühlt sie sich so verlassen und alleine gelassen wie wir alle. Und hat nicht die Kraft, sich noch in Supermärkte und Läden, die schließen müssen, zu schleichen, um Streit zu schlichten und Tränen zu trocknen und Lächeln zu zaubern. Sie scheint auf der Suche nach ihrem eigenen Leuchten, ihrer eigenen Kraft zu sein, um dann erst wieder für andere da sein zu können. Und so schließt sich der Teufelskreis – wir fühlen uns verlassen von der Liebe und die Liebe fühlt sich verlassen von uns. Droht uns also ein Fest der Liebe ohne Liebe?

Oder können wir etwas tun?

Möglicherweise möchte die Liebe, dass wir lernen, sie nicht für selbstverständlich zu halten, auch nicht an Weihnachten. Und dass wir erkennen, dass wir losgehen und sie suchen dürfen, wenn wir sie uns wünschen. Dass wir für die Liebe losgehen, indem wir gut zu anderen und uns selbst sind, indem wir wieder vertrauen, indem wir dankbar sind. Natürlich schenkt die Dankbarkeit Herrn Wagner nicht den Umsatz, den er in diesen Tagen gemacht hätte. Aber vielleicht eben doch das vorfreudige Lächeln, das er sonst auf seinen Lippen trägt. Und das wiederum schenkt seiner Familie die Liebe, die sie sich wünschen. Denn im Grunde ist ihnen ja egal, wie groß oder klein die Geschenke ausfallen – am wichtigsten ist ihnen allen einzig und allein die Liebe. Die darf nicht ausfallen. Natürlich zaubert auch das Vertrauen nun nicht einfach Jana ihre Oma zu sich, damit sie sie doch noch sehen kann. Aber in ihrem Paket versteckt sich eine so große Portion Liebe, dass Janas Oma beim Auspacken ganz warm ums Herz werden wird – beinahe so als würde sie Jana gerade im Arm halten. Und natürlich nimmt auch die Liebe nicht die Hektik und den Platzmangel aus dem Supermarkt. Aber schon ein paar liebe Worte in der Schlange an der Käsetheke können die Stimmung entspannen und einen solchen Dominoeffekt anstoßen, dass selbst der/diejenige am Ende der Schlange, der/die 45 Minuten auf seinen Gruyère warten muss, am Ende mit einem Lächeln und einer schönen Geschichte aus dem Laden geht.

Vielleicht kommen diese Worte jetzt wie großes Blabla daher, wo du selbst oder Menschen in deinem Umfeld doch wirklich Ängste und Sorgen haben. Und ich möchte keinesfalls all die Schicksale verharmlosen oder klein reden. Trotzdem versuche ich, zwischen all den grimmigen (unter der Maske sicherlich einfach nur enttäuschten oder verängstigten) Gesichtern, der Hektik und der Einsamkeit irgendwie ein paar aufheiternde, liebevolle Worte zu finden. Denn ich weiß zwar nicht viel in diesen Tagen – nicht, wann all das ein Ende findet, wann wir wieder echte Berührung erfahren dürfen, oder wann die Sorgen weniger werden -, aber was ich weiß, ist, dass die Liebe immer da ist. Und das ist verdammt nochmal keine leere Worthülse. Wo wir uns Liebe wünschen, da kann sie auch sein. Wo wir uns wahrhaftige Begegnung und Berührung wünschen, da finden wir sie vielleicht nicht so, wie wir sie gewohnt sind, aber auf jeden Fall in anderer Form. Wo wir uns ein Lächeln wünschen, da können wir eines verschenken. Und wenn die Liebe gerade Urlaub macht und sich unter ihrer Decke verkriecht, dann haben wir es in der Hand, sie zu uns einzuladen.

Also lasst uns die Liebe feiern, zu ihrem eigenen Fest, aber auch an allen anderen Tagen im Jahr – denn wenn es sonst nichts gibt, wenn wir sonst nichts haben, dann wenigstens ein Herz voller Liebe und ein Lächeln im Gesicht!

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