Wie ich zu mir finde

Ich sitze auf der Bank und schlürfe Kaffee. Ich lasse meinen Blick schweifen. Über die Marktstände, deren Besitzer*innen Zucchini und Tomaten in Papiertüten packen, hinüber zum Feinkostwagen, dessen italienischer Bergkäse so beliebt zu sein scheint, dass sich eine Schlange gebildet hat, bis zum Opa auf der Bank mir gegenüber, der Brotkrümel fallen lässt, auf die sich die Tauben stürzen. Alles, was ich tue, ist dasitzen und zuschauen. Eines meiner Lieblingshobbys.

Es mag paradox klingen, aber im morgendlichen Getümmel der aufwachenden Stadt finde ich wieder zu mir. Anonym in meiner eigenen Stadt bin ich zwar mittendrin und trotzdem ganz für mich. Niemand erwartet mich, niemand will etwas von mir. Da bin nur ich. Zwischen all den Menschen und Tauben. Und ich bleibe, solange ich will, und gehe erst, wenn ich es für richtig halte. Manchmal setze ich Kopfhörer auf und lasse die Kulisse vor mir von Lieblingsmelodien vertonen und zum Leben erwecken. Manchmal lese ich ein paar Seiten und verbringe so Zeit in mehreren Welten gleichzeitig. Manchmal lausche ich den Gesprächen vorübergehender Passanten. Und manchmal ist alles, was ich wahrnehme, der Lärm in meinem Kopf, der immer leiser wird.

Pause in der Partitur

Ich spüre meinen Puls, atme tief durch und höre in mich hinein. Und nehme noch einen Schluck Kaffee, den ich mir immer im selben italienischen Café hole, in dem ich auch schon morgens um 8 Uhr mit einem lauten „Ciao“ begrüßt werde. Diesen Moment habe ich mir gestohlen, um ihn nur mit mir selbst zu verbringen. Woher gestohlen? Aus meinem Alltag, der von mir verlangt, immer erreichbar zu sein, immer zu tun, immer zu leisten, immer zu kommunizieren. Diesen Moment verbringe ich nur mit mir und damit, zu sein.

Mit diesem Moment durchbreche ich meinen eigenen Rhythmus, in den ich in meinem Alltag ganz oft ganz unbewusst schlittere. Auch er selbst ist beinahe schon wieder zur Gewohnheit geworden und dadurch fast ein Teil des Rhythmus. Und trotzdem fühlt er sich wie ein Ausbruch an. Wie eine Pause in der Partitur meines Alltags. Weil er mir jedem Punkt auf meiner To-Do-Liste, jeder gängigen Arbeitszeit, jedem Leistungsdruck zum Trotz die Möglichkeit schenkt, einfach nur zu sein. Und damit das Geschenk der langen Weile macht, die ich mit Innehalten und Beobachten und Reflektieren fülle.

Inspiration & Tagträumen

Mir tut nicht nur die Pause gut. Während ich beobachte, kommen mir Ideen, die später zu Texten oder irgendetwas anderem führen. Ich sauge auf, was ich wahrnehme, und speichere es. Das nennt man wohl Inspiration. Und ich tagträume, indem ich meine Gedanken schweifen lasse. Das ist der Moment am Tag, in dem meine Fantasie den Raum bekommt, den sie so dringend fordert. Mir wird bewusst: Ich könnte jetzt einfach verschwinden. Ich könnte ins Auto steigen und wegfahren, einfach, weil ich es so will. Unweigerlich erkenne ich, wie frei ich wirklich bin, und große Dankbarkeit breitet sich in mir aus. Es ist also nicht nur die Pause, nicht nur die Inspiration, nicht nur das Tagträumen. Nein, es ist auch der Moment am Tag, aus dem ich Zufriedenheit und Dankbarkeit ziehe. Für den ganzen restlichen Tag.

Ich sitze noch ein Weilchen da. Und schlürfe an meinem Kaffee, der nicht mehr warm ist. Ich überlege, was der Opa mir gegenüber macht, wenn er zuhause ist, und ob der Gemüseverkäufer seinen Job liebt. Ich atme tief ein und aus und höre meinen Gedanken zu, die mir auch erzählen, was ich diese Woche unbedingt noch erleben möchte.

Und irgendwann dann schalte ich mein Handy wieder ein und begebe mich hinaus aus meiner eigenen kleinen zurück in die große Welt und die Erreichbarkeit.

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